Gut recherchiert und schön geschrieben

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jinjin Avatar

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"Ein Ort, der bleibt" ist ein auf Tatsachen basierender Roman, der mich auf der ganzen Linie positiv überrascht hat. Im Mittelpunkt steht die Familie Heilbronn, die von Münster aus nach Istanbul flüchtet. Alfred Heilbronn lehrt an der Universität und baut den botanischen Garten im Herzen Istanbuls auf. Auf einer zweiten Zeitebene begleitet man die junge Stadtplanerin Imke, die von Münster nach Istanbul reist, um ein Gutachten über eben jenen botanischen Garten zu schreiben.

Ich liebe es, über Bücher und Geschichten Neues über historische Begebenheiten und das Leben in anderen Ländern und Kulturen aufzusaugen. In den letzten Jahren haben Romanbiografien den Markt gefühlt überschwemmt. Bei Vielen hatte mich der Klappentext sehr angesprochen, sagten mir dann aber so wenig zu, dass ich abbrechen musste. Vor allem wenn aus jeder noch so spannenden historischen Begebenheit eine Schmonzette mit etwas historischem Beiwerk gemacht wird. Ich muss zugeben, dass ich befürchtet hatte, mir könnte es mit diesem Buch auch so ergehen. Aber überhaupt nicht! Sandra Lüpke hat mich sehr positiv überrascht mit ihrem Roman. Er macht einen extrem gut recherchierten Eindruck auf mich, weil so viele unterschiedliche Bereiche so detailreich und fein beobachtet miteinander verbunden werden. Zu Beginn radele ich gedanklich wieder über die Straßen meiner Studienstadt Münster und mache mir ein Bild davon, wie es dort 1933 gewesen ist. Direkt recherchiert habe ich die Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland, die es wirklich gab, gegründet von Philipp Schwartz, der auch eine kleine Rolle im Buch hat. Ich erfahre Einiges über die Community deutscher und österreichischer Exilanten in Istanbul und über Botanik. Und ganz nebenbei über das Leben in der Türkei unter Atatürk und danach. Durch Imke auch in der heutigen Zeit, wo es in der ultramodernen Metropole eben auch staatlich kontrollierte Presse gibt. Und nicht zuletzt ist "Ein Ort, der bleit" auch einfach eine gut geschriebene Geschichte. Einzig die ganzseitigen Kapitelüberschriften, die sich an der Pflanzenwelt orientieren, kamen mir etwas zu gewollt vor und hätte ich nicht gebraucht. Schön finde ich den Überblick über die echten Personen am Ende des Buches, der auch verrät, wie es mit ihnen nach Ende der im Buch beschriebenen Zeit weiterging.

Insgesamt ein Roman, den ich guten Gewissens empfehlen kann.