Istanbul - Zuflucht und Heimat

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eliza2010 Avatar

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Es war mein erster Roman von Sandra Lüpkes, und dieser hat mich direkt begeistert. Schon bei der Leseprobe habe ich gespürt: Das ist ein Roman, der mir sehr gefallen könnte – und ich bin nicht enttäuscht worden.

Der Roman hat drei Erzählstränge, zwei liegen in der Vergangenheit und einer in der Gegenwart. Ab dem Jahr 1926 begleiten wir Mehpare in Istanbul, Magda ab 1933 zunächst in Münster, später dann ebenfalls in Istanbul, wo sich die Wege der beiden Frauen kreuzen. Denn Magda ist die Frau von Prof. Alfred Heilbronn, der aufgrund seiner jüdischen Wurzeln vor den Nazis in die Türkei flieht. Mehpare wird die Assistentin von Magdas Mann.

Imke Voigt ist die Protagonistin und Ich-Erzählerin der Gegenwartsebene. Sie fliegt mit ihrem Chef und dem Freund einer ehemaligen Schulfreundin nach Istanbul, um ein Gutachten über den Botanischen Garten zu erstellen, den einst Alfred Heilbronn und sein Team angelegt haben.

Die Figurenzeichnung der Autorin hat mich überzeugt. Ich hatte das Gefühl, gerade Magda und Imke sehr nah zu sein. Am Anfang hatte ich ein paar Schwierigkeiten, Mehpares Gedanken zu folgen, was sich im Laufe des Romans jedoch deutlich besserte, sodass ich auch ihre Figur zunehmend besser greifen konnte.

Ich habe durch diesen Roman viel gelernt – zum einen, dass die Türkei als Exilland für die akademische Elite aus Deutschland während des Dritten Reichs durchaus attraktiv war, zum anderen auch viel über die türkische Kultur. Besonders interessant fand ich die Fakten zur Botanik und Pflanzenkunde, aber auch zur Genetik. Hier hat man die akribische Recherche der Autorin sehr deutlich gespürt. Natürlich sind auch das Christentum und der Islam ein Thema, ebenso der Nationalsozialismus und die Judenfeindlichkeit.

Der Roman gliedert sich insgesamt in neun Teile. Vornehmlich wird die Geschichte aus der Perspektive von Mehpare, Imke und Magda erzählt; erst sehr spät kommen auch die Perspektiven von Alfred Heilbronn und Mete, einem Gärtner, hinzu.

Der Schreibstil der Autorin ist informativ und gut zu lesen. Man gewinnt viel Wissen hinzu, ohne dass es belehrend wirkt. Das Verweben von Fakten und Fiktion ist außerordentlich gut gelungen. Am Ende des Romans gibt es einen ausführlichen Anhang mit Nachwort, einer Auflistung und Kurzbiografien der historischen Personen, einem Zitatnachweis und einer Danksagung. Zu Beginn des Romans findet sich außerdem eine Karte von Istanbul zur besseren Orientierung, was ich sehr hilfreich fand.

Die Spannung ist durchgehend vorhanden, da man in beiden Zeitebenen wissen möchte, wie die Geschichte weitergeht – Langeweile kommt nicht auf.

Für mich wird dies sicherlich nicht der letzte Roman von Sandra Lüpkes gewesen sein, denn ich bin sehr gut unterhalten worden.