Leise beobachtend
Dieser Romanauftakt besticht ab der ersten Seite durch seine unaufgeregte, aber emotional enorm dichte und feinfühlige Atmosphäre. Birgit Bachmann zieht die Leserschaft in ein vielschichtiges Familiendrama rund um die 57-jährige Elvira, ihren Mann Jobst und ihre 85-jährige Mutter Sigrid. Der im Prolog eingeführte Vergleich, dass Familie wie eine kratzende, aber auch schützende Flickendecke sei, setzt sofort den passenden Ton für die nachfolgenden Szenen. Während Elvira auf einer Urlaubsrückreise im heißen August mit spürbarer Erschöpfung, einer diffusen Leere und schwindenden Erinnerungen kämpft, blickt ihre Mutter Sigrid zu Hause beim gewissenhaften Putzen alter Kinderzimmer auf ihr langes Leben zurück. Die Perspektivwechsel sind wunderbar ausgearbeitet: Auf der einen Seite steht Elvira, die mit bittersüßer Sehnsucht ein fremdes Paar an einer Autobahnraststätte beobachtet und die Abgründe ihrer eigenen Ehe reflektiert; auf der anderen Seite Sigrid, die beim Abstauben alter Fotos ihren Emotionen, alten Mutterschaftsfragen und nachbarschaftlichen Fehden nachhängt. Die Sprache ist präzise, nah an den Figuren und voller leiser Beobachtungen über das Älterwerden, verblassende Erinnerungen und die unvermeidbaren Risse im familiären Gefüge. Ein ungemein stilvoller und psychologisch aufschlussreicher Auftakt, der große Lust darauf macht, tiefer in die Geschichte dieser Familie einzutauchen.