Ein leichter und doch tiefgründiger Sommerroman

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federfee Avatar

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Familiengeheimnisse und Probleme - dennoch Zusammenhalt - in bildhafter Sprache und mit vielen Gedankenanregungen

Für mich war es ein ‘Pageturner’, ein Buch, das man am liebsten in einem Rutsch durchlesen möchte. Es geht allerdings nicht nur um die vier Frauen, sondern auch um Männer und Kinder der Familie Wortmann. Da wäre ein Stammbaum oder ein Personenverzeichnis hilfreich gewesen.

Alles beginnt mit der jetzt 85 Jahre alten Sigrid, der Mutter von Elvira, Milian und Mona. Sie lebt alleine in ihrem zu großen Haus und hat Konflikte mit dem Nachbarn, der gerne die Häuser tauschen würde. Wie es am Ende ausgeht, soll nicht verraten werden, auch nicht, welches lange gehütetes Geheimnis Sigrid am Ende ihres Lebens preisgibt, nachdem ihre jüngste Tochter Mona ein Foto gefunden hat, das Fragen aufwirft. Die Antwort bringt das Leben ihrer Kinder und Enkel ein wenig durcheinander.

Aber das ist es nicht nur, denn von Anfang an ist klar, dass alle ihre Probleme und Geheimnisse haben, die eine Auflösung oder Neuorientierung erfordern.

Da gibt es mangelndes Verständnis in der Ehe von Elvira und Jobst, was sich in Kleinigkeiten, in vielsagenden Unstimmigkeiten äußert. Außerdem deutet Elvira immer wieder an, dass es etwas Dunkles in Jobsts Vergangenheit gibt.

Hier fehlte der Vater, dort die Mutter, pubertäre Probleme erschweren das Zusammenleben und ein Enkel wird dramatisch unter Druck gesetzt - was übrigens in einer spannenden Auflösung durch familiären Zusammenhalt endet. Eine muss sich damit abfinden, dass sie ihre Träume aufgegeben hat und sich mit der Alltagsrealität abfinden und sie akzeptieren und wertschätzen.

Und trotz allem oder gerade deshalb gibt es familiären Zusammenhalt, trotz aller Probleme, auch untereinander, was ganz zu Beginn in einem Prolog in fast lyrischer Weise ausgedrückt ist: es ist eben typisch, dass Familie Halt bedeutet, aber auch Probleme bereiten kann.

Es gibt einfühlsam, fast lyrisch erzählte Stellen, z.B. was eine Liebe vermittelt: ‘alles anders sehen, die Schönheit der Dinge’ wahrnehmen, aber auch Nachdenkenswertes über Täter und Opfer in der Justiz, über Wissen und Nichtwissen: ‘Wir richten unser Leben nach dem ein, was wir wissen. Wie fragmentarisch dieses Wissen ist, übersehen wir. Zwischen sogenannten Gewissheiten klaffen Lücken, die das Zeug dazu hatten, uns in ihren Abgrund zu reißen.’ (84).

Es ist ein Buch, das viel bietet: Spannendes, Nachdenkliches, Gedankenanregungen, sprachlich einprägsame Bilder, wo z.B. das Wetter und die Landschaft Seelenzustände verdeutlichen oder bemerkenswerte Zitate: ‘Man hielt das, was man sah, für die Wahrheit. Dabei waren die sogenannten Wahrheiten nichts als Interpretationen, die sich aus der eigenen Lebenswelt speisten’ (39)

Nebenbei bemerkt: zufälligerweise passt es gerade zur vorherrschenden Wettersituation (Juli/August 2026): ‘wie ausgeweidet ist das Land’ (9) - ‘Sie sehnte sich nach schweren, tief hängenden Regenwolken’ (9).

Fazit
Ein traumhaft schöner Sommerroman, der nicht nur atmosphärisch, sondern auch tiefgründig ist, unaufdringlich Lebensweisheiten vermittelt und dessen letzter Satz tröstlich ist: ‘Familie ist doch etwas Wunderbares. Wenn man zusammenhält.’ (233)