Familie kann man sich nicht aussuchen

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
christian1977 Avatar

Von

Als Elvira und Jobst an einem heißen Samstag im August ein junges unbekanntes Pärchen im Auto mitnehmen, ahnen sie noch nicht, in was für ein Drama sie sich damit begeben. Eigentlich wollten sie das Pärchen nach dessen Panne bloß bei einer Familienfeier absetzen, doch diese verläuft so ganz anders als erwartet. Währenddessen sieht sich Elviras 85-jährige Mutter Sigrid zuhause alte Fotos an - und trifft dabei einen Entschluss, der vor allem die jüngste Tochter Mona komplett aus der Bahn wirft. Bei Monas Bruder Milian und dessen Frau Katharina scheint hingegen alles in bester Ordnung zu sein. Aber warum verhält sich deren jüngster Sohn Fiete bloß immer so merkwürdig?

“Ein Samstag im August” ist der Debütroman von Birgit Bachmann, der bei btb erschienen ist. Bachmann blickt darin auf die Familie Wortmann und die Auswirkungen des titelgebenden Samstags. Sprachlich wechselt sie zwischen poetischen Landschaftsbeschreibungen und dialogreichen Konflikten hin und her und schafft damit einen unterhaltsamen, aber ein wenig simplen Familienroman.

Der Prolog ist in seiner lyrischen Form ganz großartig. “Familie ist eine Flickendecke”, beginnt Bachmann zu erzählen und auf den kommenden 250 Seiten wird sie diese Decke mehrfach zerrissen und wieder zusammengeflickt haben. Multiperspektivisch beschränkt sie sich nicht auf die Kernmitglieder der Familie, sondern nimmt auch die angeheirateten Jobst und Katharina ausführlich ins Blickfeld. Geht man anfangs noch von Elvira als Hauptfigur aus, ist “Ein Samstag im August” letztlich ein Ensembleroman mit der vielleicht einen oder anderen Perspektive zu viel. Da sich die Konfliktthemen zwischen den Paaren, aber auch zwischen den verschiedenen Generationen manchmal ein wenig ähneln, wäre ein Stammbaum zu Beginn des Buches in jedem Fall hilfreich gewesen.

Was der Autorin sehr gut gelingt, ist der Spannungsaufbau. Die recht kurzen Kapitel weisen teilweise echte Cliffhanger auf, was dazu führte, dass ich immer unbedingt wissen wollte, wie es weitergeht. Und das, obwohl es mir nicht gelang, zu einer der Figuren eine nähere Bindung aufzubauen. Zu beliebig sind dafür die Konflikte, zu nervig die Charaktere, die sich über weite Strecken des Romans an ihren Streitigkeiten abarbeiten. Wobei die Frauenfiguren sicherlich noch stärker wirken als eher blasse Charaktere wie Jobst oder gar Milian, den man eigentlich auch aus dem Buch hätte streichen können. Die Konflikte reichen dabei von tiefsitzenden Kindheitstraumata bis hin zu gegenwärtigen Banalitäten.

Und das ist dann auch die große Schwäche des Buches. Anstatt die Charaktere und ihre Sorgen ausreichend ernst zu nehmen, ihnen vielleicht aus sich heraus Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten, werden die Probleme eher durch Küchenpsychologie gelöst. Das mag für einen sommerlichen Unterhaltungsroman in Ordnung sein, doch hatte ich aufgrund der Sprache und des komplexen Aufbaus doch das Gefühl, dass “Ein Samstag im August” eigentlich mehr sein sollte. Wenn Elvira auf Seite 233 resümiert: “Familie ist doch etwas Wunderbares. Wenn man zusammenhält”, möchte man sie schütteln und ihr zurufen: “Aber nein, liebe Elvira, so einfach ist das nicht.” Denn manchmal nützt auch der stärkste Zusammenhalt nichts, wenn zuvor so viele Dinge zu Bruch gegangen sind.

Was mir hingegen sehr gut gefallen hat, sind die Beschreibungen, die häufig zum Gemütszustand der Charaktere und zur Entwicklung der Handlung passen. Wenn beispielsweise ein schweres Unwetter inklusive Saharastaub die Natur aufrüttelt, so findet sich auch die Familie Wortmann danach in einem gewaltigen Sturm der Gefühle wieder. Ohnehin ist es die norddeutsche Tiefebene, die in “Ein Samstag im August” den meisten Charme versprüht. Hier spürt man, dass Birgit Bachmann an der Nordseeküste groß geworden ist und den Norden mit all seinen Ecken und Kanten lieben und hassen gelernt hat.

Familie ist eine Flickendecke, und sie ist vielleicht etwas Wunderbares, wenn man zusammenhält. Klar ist allerdings auch, dass man sich seine Familie nicht aussuchen kann. Wer sich für die Familie Wortmann und “Ein Samstag im August” entscheidet, erhält ein unterhaltsames Familiendrama, in dem vor allem im letzten Drittel die Tiefe ein wenig vom Saharastaub zugeschüttet wird.

3,5/5