Sesible Familienaufarbeitung

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marieon Avatar

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Elvira

Sie versuchte sich im Beifahrersitz zu entspannen und schloss kurz die Augen. Elvira konnte sich nicht erinnern, am Ende eines Urlaubs je eine so tiefe Müdigkeit verspürt zu haben. Während Jobst fuhr, erzählte er ihr irgendetwas. Sie hörte nicht zu, es interessierte sie nicht. An der nächsten Raststätte fuhr er raus und es nervte sie, dass er schon wieder Halt machte. Jobst ging zu den Toiletten und Elvira stellte sich in die Schlange bei den Backwaren. Als Jobst zurückkam, setzten sie sich mit Kaffee und Salamibrötchen nach draußen, wo es erstaunlich ruhig war.

Am Nebentisch saß ein Paar, das Elviras Aufmerksamkeit erregte. Wie seine Hände ihre umschlossen. Ihr kurzer, brauner Bob und der fast zu große Mund. Ihre Augen, die sich in seine bohrten. Schön musste das sein, wenn am Anfang die Narben, die wir tragen, noch nicht durchscheinen und es noch keine Gelegenheit gab, sich gegenseitig neue zuzufügen. Elvira beobachtete, wie sie das Tablett zusammenräumten und aufstanden. In Vorbeigehen lächelte der Bob Jobst an und warf Elvira einen spöttischen Blick zu. Elviras Gesicht fing Feuer. Sie schalt sich, weil sie die beiden so schamlos beobachtet hatte.

Sigrid

Sie putzt sich vom Erdgeschoss bis nach oben. Früher hatte sie es gehasst, mit drei Kindern und einem Mann, aber seit die Kinder aus dem Haus sind und Heinrich verstorben ist, beruhigt es sie. Wer hätte gedacht, dass sie einmal ganz alleine leben würde, andererseits erträgt sie auch keine Menschen um sich herum. Die Kinder sind alt geworden, gezeichnet. Die dunklen Locken ihres Sohnes ein paar dünnen, grauen Wellen gewichen, die er für ihren Geschmack viel zu lang trägt. Und Elvi mit ihren labberigen Oberteilen, darunter kein BH. Sigrid wird nie verstehen, wie man sich so gehen lassen kann. Nur Mona ist immer noch der Sonnenschein.

Fazit: Birgit Bachmann hat in ihrem Debütroman eine Familiengeschichte über mehrere Generationen erzählt. Elvira und Jobst fahren ein junges Paar zu einer Familienfeier, weil deren Wagen eine Panne hat. Sie werfen gezwungenermaßen einen Blick in die Familientragik der Frau und das bringt einen Stein ins Rollen, der ihre eigene Vergangenheit hinterfragt. Die Autorin zeigt ebenfalls Elviras Bruder und Schwester und deren Partner und Kinder. Elviras Mutter lüftet unfreiwillig ein Familiengeheimnis und stellt ihrer aller Beziehung auf den Prüfstand. Die Autorin entwickelt mit großer Sensibilität und Unaufgeregtheit ein Bild verschiedener Charaktere in ihrer Bedürftigkeit. Es geht um Eifersucht und Schuldzuweisungen und das Gefühl der Demütigung. Birgit Bachmann trennt die Beteiligten, lässt sie sich in Zankereien verlieren, allmählich Erkenntnisse sammeln, um sie am Ende wieder zu vereinen. Eine ruhige, versöhnliche Geschichte, die mich kapitelweise abwechselnd in die Gedanken der Frauen blicken lässt. Ich bin regelrecht eingetaucht in die Erzählung.