Interessante Charakterstudie

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mondscheinsonate Avatar

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Selten hat mich ein Buch so unschlüssig zurückgelassen wie „Ein unheimlich guter Mensch“ von Kirsten King.

Lillian wünscht sich sehnlichst eine Beziehung mit Henry. Dieser ist jedoch nur an einer Affäre interessiert und beendet diese nach vier Monaten. Auf Rache sinnend, wirkt Lillian gemeinsam mit ihrer besten Freundin Jamie einen Vergeltungszauber.

Am nächsten Tag wird bekannt, dass Henry erstochen wurde. Lillian entdeckt daraufhin nicht nur, dass Henry eigentlich seit zehn Jahren in einer Beziehung war, sondern gerät auch ins Zentrum der Mordermittlungen …

Lillian ist eine Protagonistin, in die man sich nur ungern hineinversetzt. Sie ist narzisstisch, unreflektiert und hat eine ausgeprägte Opfermentalität. Während sie eine schlechte Entscheidung nach der anderen trifft, deren Konsequenzen sie als Unglück und Ungerechtigkeit ihr gegenüber begreift, möchte man sie aufgrund ihrer selbstzerstörerischen Tendenzen manchmal einfach nur schütteln. Sie hat Glück, noch eine beste Freundin wie Jamie zu haben, die gelegentlich als Korrektiv für Lillians Wahrnehmung fungiert und damit auch uns Leser:innen eine andere Sicht auf die Dinge nahebringt.

Nicht, dass das bei Lillian viel bewirken würde, denn sie ertränkt ihre Probleme lieber in Alkohol.

Ihr Verhalten hat beim Lesen bei mir allerdings durchaus auch Mitgefühl hervorgerufen. Sie scheint zu glauben, dass Menschen nur körperlich an ihr interessiert sein könnten, ist darüber frustriert und fühlt sich einsam. Gerade deshalb hat sie sich so sehr nach einer Beziehung gesehnt. Auch ihr Wunsch nach Rache an Henry ist verständlich - er nutzt sie aus und überschreitet dabei Grenzen, die eindeutig im strafbaren Bereich liegen.

Gleichzeitig behandelt Lillian auch wohlmeinende Mitmenschen schlecht, während sie ihr eigenes Verhalten schönredet und insgesamt davon überzeugt ist, im Grunde nie etwas falsch machen zu können. Läuft etwas schief, ist es die Schuld der anderen. Eine solche Protagonistin über mehr als 300 Seiten zu begleiten, kann durchaus anstrengend sein.

Die Autorin beweist allerdings großes Feingefühl bei der Ausarbeitung von Lillians Charakter. Lillian bleibt in ihrem Verhalten stets konsequent. Aus den wenigen Szenen mit ihrer Mutter entsteht der Eindruck, dass die Beziehung zwischen den beiden distanziert ist und Lillian sich von ihr keine emotionale Unterstützung erhoffen kann. Sie selbst scheint allerdings auch kaum zu einer tiefen emotionalen Bindung fähig zu sein - möglicherweise gerade auch deshalb.

Das Ende des Buches war für mich infolgedessen eine logische Schlussfolgerung aus den bisherigen Ereignissen.

Ich kann bei diesem Buch absolut nicht sagen, ob ihr es lesen solltet oder nicht. Einerseits wollte ich die ganze Zeit wissen, wie es weitergeht, und wurde von der Handlung durchaus mitgerissen. Auch eine Protagonistin wie Lillian kann spannend sein. Andererseits habe ich mich in ihrem Innenleben nicht sonderlich wohlgefühlt.