Zwischen Verlust und Wiederfinden

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bua1705 Avatar

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Christien Brinkgreves Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen beginnt mit einer stillen Wucht, die sich nicht aufdrängt, sondern sich wie ein kalter Luftzug in jede Zeile legt. Die Leseprobe zeigt eine Frau, die nach dem Tod ihres Mannes nicht nur ein Haus, sondern ein ganzes Leben neu betrachten muss. Brinkgreve schreibt mit einer radikalen Ehrlichkeit, die nie pathetisch wird, sondern aus einer tiefen, fast wissenschaftlichen Klarheit heraus entsteht.

Was sofort auffällt, ist die Präzision ihres Blicks: Sie beobachtet sich selbst wie eine Fremde, tastet sich durch Erinnerungen, Räume, Gegenstände – und legt dabei Schicht um Schicht frei, was in einer langen Ehe verschüttet wurde. Das Haus wird zum Spiegel der Beziehung: überfüllt, vernachlässigt, voller Spuren, die schwerer wiegen als die Dinge selbst.

Die Sprache ist ruhig, aber durchzogen von einer unterschwelligen Spannung. Man spürt die Ambivalenz zwischen Liebe und Erschöpfung, zwischen Loyalität und Wut, zwischen dem Bedürfnis zu bewahren und dem Drang, endlich wieder atmen zu können. Besonders eindrucksvoll ist, wie Brinkgreve intime Trauer mit soziologischem Scharfsinn verbindet – ohne je analytisch kalt zu werden.

Der Text wirkt wie ein langsames, schmerzhaftes Erwachen: aus einer Beziehung, aus einer Rolle, aus einem Leben, das sich unmerklich verengt hat. Und gerade diese Mischung aus persönlicher Verletzlichkeit und intellektueller Klarheit macht die Leseprobe so stark. Man liest nicht nur über Trauer, sondern über Selbstbefragung, über weibliche Lebenswege, über das Gewicht von Erwartungen und die Möglichkeit eines späten Neubeginns.

Dieser Auftakt verspricht ein tiefes, kluges, ungeschöntes Buch über Liebe, Verlust und die mühsame Arbeit, sich selbst wiederzufinden.