Auf der Suche, weshalb die Liebe verloren ging

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regina1960 Avatar

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„Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen“ ist ein sehr anspruchsvolles Buch. Geschrieben von Christien Brinkgreve, Jahrgang 1949, renommierte niederländische Soziologin, Autorin und emeritierte Professorin, ist das knapp 190 Seiten umfassende Werk eher ein „Büchlein“, aber das hat es in sich. Es ist in 42 relativ kurze Kapitel eingeteilt, die perspektivisch wechseln zwischen Erinnerungen und Gegenwart, und somit auch die Ruhelosigkeit der nach Antworten suchenden Protagonistin unterstreichen. Das Buch ist autobiografisch und wurde in den Niederlanden unter dem Titel „Beladen huis“ zu einem Bestseller. Eins vorweg: Das ist ein kluges, schonungslos ehrlich geschriebenes Buch mit sehr viel Tiefgang, auf das man sich einlassen muss. Es handelt von Christien, deren Ehemann A. – anders bezeichnet sie ihn im gesamten Buch nicht - nach jahrzehntelanger Ehe an Krebs verstirbt. Sie hat ihn bis zum Tode im Haus gepflegt. Ein Haus, das immer mehr im Laufe der Jahre heruntergekommen ist, und in dem man nur noch nebeneinander gelebt hat. Kommuniziert wurde per E-Mail, Entfremdung und Distanz hatten sich „irgendwann“ eingeschlichen. Trotz Eheberatung und Therapien bei Fachleuten ist nie mehr Nähe zwischen den Eheleuten eingekehrt, nach der sich Christien so gesehnt hat. Nach dem Begräbnis möchte sie für sich Klarheit finden, wann und wo denn eigentlich die einstige Liebe verloren ging. Die Witwe beginnt mit dem „Aufräumen“ - innerlich wie äußerlich. Brinkgreve lässt den Leser in ihrem durchweg ruhigen und nachdenklichen Schreibstil dann teilhaben an ihren zum Teil sehr widersprüchlichen Gedanken, Gefühlen, Zweifeln und inneren Kämpfen. Dabei versucht sie sich auch in die Gefühlswelt von A. und ihrer Umgebung hineinzuversetzen, von denen sie sich ihr ganzes Leben lang hat doch sehr beeinflussen lassen, und das, obwohl sie nach außen hin eine studierte und selbstsichere Frau ist. Stilistisch ist das Buch eher ein Festhalten von Erinnerungen, so, als ob eine Bekannte von ihrem Leben und ihren Erlebnissen erzählt. Es werden die glücklichen Momente ebenso wie die schweren aufgezeichnet, und in einigen konnte ich mich sehr gut wiederfinden. Mit dem Aufräumen im Haus kommen Erinnerungen hoch, schöne und weniger schöne. Manche Gedanken erschienen mir vertraut, auch wenn ich nicht so lange verheiratet war wie Christien. Aber ich denke, das ist auch gar nicht Grundvoraussetzung, denn dieses Buch ist auch eine Auseinandersetzung mit elementaren Lebensfragen wie beispielsweise die Erwartungshaltungen an eine Frau, die Mutter, Ehefrau, Berufstätige, Trauernde oder Witwe ist. Dabei wirkt die Autorin jedoch nie anklagend, sondern reflektierend, suchend, fragend, was auf mich temporär ansteckend wirkte. Der Mut, schonungslos ehrlich zu erzählen, und dabei an Christiens´ Erkenntnissen teilhaben zu dürfen haben mich berührt und an manchen Stellen auch traurig und bedrückt hinterlassen. Momentaufnahmen von Liebe und Verzweiflung, Schweigen und Wut, Hoffnung und Enttäuschung, durchziehen das gesamte Buch. Christien und A. sind die Hauptfiguren, von ihnen als Persönlichkeiten kann man sich eine recht deutliche Vorstellung machen, denn sie werden aus den unterschiedlichsten Situationen heraus sehr greifbar und präzise gezeichnet. Gefragt habe ich mich, warum Christien ihren Mann im gesamten Buch nie mit seinem vollständigen Vornamen erwähnt, er taucht überall nur als „A“ auf. Ein stilistisches Mittel, um die Entfremdung zu unterstreichen oder aber Respekt vor der verstorbenen Person? Ich bin mir nicht sicher. Obschon mich das Buch insgesamt berührt hat, und auch jetzt noch beschäftigt, wurde es mir zum Schluss hin doch etwas zu langatmig. Einige Gedankengänge, wie beispielsweise der Einfluss des frühen Verlustes von A.´s Schwester auf sein Leben, oder aber die Weitergabe von Verhaltensmustern ihrer eigenen Mutter, wiederholten sich zunehmend. Das hätte das Buch nicht gebraucht und hat eher der Qualität geschadet. Auch die zig erwähnten Bücher und eingestreuten Zitate, besonders zum Buchende, haben meine Lesefreude zunehmend getrübt und mich sogar genervt . Wer gerne eindringliche Bücher liest, die in die Tiefe gehen und noch lange nacharbeiten, ist hier gut aufgehoben. Das Buch gibt letztendlich auch keine vorgefertigten Antworten auf Sinnfragen, sondern bietet reichlich Ermessensspielraum, auch auf sein eigenes Leben zu blicken, dieses zu reflektieren und sich selbst zu hinterfragen. Wer sich gerne mit komplexen Dynamiken in Beziehungen oder aber im gesamten Lebensbereich befasst, und dafür bereit ist, sich auf eine anspruchsvolle Lektüre einzulassen, könnte seine Freude an diesem Buch haben.