Aufräumen
Christin Brinkgreve beschreibt in ihrem Roman die Geschichte, die Dynamik und die Entwicklung ihrer Ehe. Nach dem Tod ihres Mannes, der nur als A. bezeichnet wird, stellt sie fest, wie übervoll das Haus ist und sie beginnt zu entrümpeln und dabei blickt sie schonungslos auf ihre fast 40-jährige Ehe zurück. Wann ist die Liebe eher ein Macht- und Anpassungsprozess geworden? Warum zieht sich A. immer mehr zurück, verschwindet, wird unzugänglich während sie selbst an Autonomie und Erfolg gewinnt. Eine Frau, die in der Wissenschaft Karriere macht, in ihrem Fachbereich Soziologie hohe Anerkennung genießt und zugleich zu Hause sich kleiner macht, um das Gleichgewicht nicht zu gefährden. Frau Brinkgreve seziert systematisch die eigene Rolle und das Zusammenwirken zwischen den Eheleuten. Die Geschichte einer Ehe, beginnend mit einer großen Liebe und Zuneigung, die immer mehr in Entfremdung und Rückzug mündet. Ob A. den frühen Verlust seiner Schwester und seiner Selbstwirksamkeit durch das Ausscheiden aus der Berufstätigkeit seiner Frau unterschwellig vorwirft, ist unklar. Deutlich aber ist die Verschiebung der Positionen. Die Unabhängigkeit und Autonomie der Frau als Bedrohung und zugleich ihre Bereitschaft zur Anpassung und Aufrechterhaltung eines harmonischen Gleichgewichts münden in immer größer werdender Entfremdung. Das Haus ist zugeschüttet mit Dingen vergleichbar mit dem unsortierten Beziehungsgeflecht. Nach dem Tod und langer Ehe dieses reflektorische und schonungslose Aufräumen zu beginnen, ist ein harter Prozess, eine Zäsur und zugleich auch ein Neuanfang. Dieses Buch ist sicher kein leichter Roman, sondern eher ein Psychogramm einer Ehe, sehr genau und fast wie ein intimes Tagebuch. Dabei wird in den Texten und der Sprache die fundierte Basis einer Soziologin deutlich.