Chronik einer Liebe

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isleofharris Avatar

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Christen Brunkgreve, eine Professorin für Frauenforschung, rekapituliert nach dem Tod ihres Mannes in ihrer autobiografischen Erzählung die gemeinsame Vergangenheit und thematisiert dabei die Erfahrungen und Dynamiken ihrer Ehe.

In ihrer Analyse bezeichnet sie ihren verstorbenen Ehemann lediglich mit dem Buchstaben „A“ (bei einer Recherche im Internet erfährt der Leser, dass ihr Mann Arend hieß). Diese Anonymisierung führt dazu, dass seine Identität „geschützt“ wird, obwohl es sich um eine sehr persönliche Geschichte geht. Zudem gewinnt die Erzählerin hierdurch eine Distanz zu dieser Person, die ihr hilft, die gemeinsame Vergangenheit reflektierend zu betrachten. Beim Leser führt dies dazu, dass man die Beziehung oder Aspekte hiervon auf die eigene Partnerschaft leichter übertragen kann.

Die Erzählung hat mich bereits auf der ersten Seite emotional mitgenommen. Die Darstellung der Beerdigung ihres Mannes, Ihre Gedanken, das Verhalten der Kinder, die anwesenden Freunde, Bekannte, Kollegen. Brinkgreve erzählt ihre Lebensgeschichte in der Ich-Form, so dass dem Leser ihre Gedanken und Emotionen einfühlsam vermittelt werden und er sich gut in ihr Innenleben versetzen kann.

Retrospektive Schilderungen und Reflexionen legen ihr Eheleben sowie ihre Lebensgeschichte schonungslos offen. Die Beziehung zu ihrem Mann wird in einem Satz deutlich zusammengefasst: „Du hast es uns wirklich nicht leicht gemacht, aber wir haben Dich trotzdem geliebt.“ (Seite 8).
Während sie das gemeinsame Haus, das teilweise verwahrlost ist, aufräumt (es hat sich sehr viel Ballast angesammelt), versucht sie auch innerlich Ordnung zu schaffen, sich neu zu orientieren und für sich zu verstehen, welche Rolle Liebe, Anpassung und Selbstbestimmung in ihrem Leben gespielt haben. Sie erkennt, dass sie sich trotz ihrer beruflichen Selbstständigkeit an die Erwartungen der Gesellschaft und die ihres Ehemannes angepasst hat. Obwohl sie beruflich erfolgreich und intellektuell unabhängig war, blieb das Bedürfnis nach Anerkennung durch ihren Ehemann für sie präsent.

Die schleichende Entfremdung und die bestehenden Spannungen versuchte sie durch das Schaffen „kleiner Fluchten“ auszugleichen.
Aufenthalte im Ferienhaus in Egmond oder ihr anspruchsvoller Beruf halfen ihr dabei, Abstand und innere Ruhe zu finden. Trotz zunehmender Spannungen kam für sie weder Aufgeben noch Scheidung infrage; bis zuletzt klammerte sie sich an die Hoffnung, dass sich die Beziehung reparieren und die gemeinsame Nähe wiederherstellen ließe – ein Ausdruck von Treue, Sehnsucht und innerer Zerrissenheit zugleich.

Ihr Schreibstil ist flüssig, klar, reflektiert, leicht verständlich und durch kurze Kapitel geprägt. Die Autorin verbindet Sachlichkeit mit Emotionalität, indem sie persönliche Erinnerungen und Situationen im Alltag nutzt, um ihr Innenleben und die Dynamik ihrer Ehe aufzuzeigen.

Zusammenfassend ist die Erzählung „Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen“ eine in die Tiefe gehende beeindruckende Analyse der eigenen Lebensgeschichte, die besonders die Reflexion des Themas Ehe und Beziehung in den Mittelpunkt stellt.
Die emotional berührende Lebensgeschichte beschäftigt den Leser noch im Nachgang und regt zum Nachdenken über das Leben und die Familie an. Eine klare Leseempfehlung!