Eine schonungslose Abrechnung

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mrs.beee Avatar

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Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen“ von Christien Brinkgreve ist ein beeindruckend ehrliches Buch. Über mehr als 40 Jahre hinweg war sie verheiratet und blickt nun, nach dem Tod ihres Mannes, mit großer Klarheit auf eine Ehe zurück, die alles andere als glücklich war. Es ist keine romantische Rückschau, sondern eine schonungslose Bestandsaufnahme.

Radikal ehrlich schreibt Brinkgreve über Verletzungen, Sprachlosigkeit und die schleichende Entfremdung in ihrer Ehe. Besonders eindrücklich, aber auch irritierend ist, dass die Kommunikation am Ende nur per E-Mail zwischen ihnen stattfand. Von Angesicht zu Angesicht fiel ihnen die Kommunikation immer schwerer. Dies spiegelt die emotionale Distanz zwischen ihnen gut wider. Nähe war kaum noch vorhanden. Beim Lesen stellt man sich unweigerlich immer wieder die Frage: Warum hat sie ihn nicht verlassen? Gerade weil sie die Unzufriedenheit so klar benennt.

Vieles wirkt erst im Rückblick, nach dem Tod des Mannes, für Brinkgreve wirklich verstehbar. Beim Aufräumen des gemeinsamen Hauses steigen Erinnerungen auf und verdrängte Gefühle kehren zurück. Das Haus wird zum Symbol eines Lebens, das sie, wie sie selbstkritisch einräumt, sehr vernachlässigt hat. An dieser Stelle im Buch bringt sie es selbst gut auf den Punkt: „ Sie (die Tochter) schüttelt den Kopf über all die verkümmerten Gegenstände, konstatiert grübelnd, dass dieser Hang zum Aufbewahren auch eine Form der Vernachlässigung ist. Die schönen Dinge verschwinden im Chaos.“ (S.120)

Brinkgreve bemüht sich immer wieder, auch ihren Ehemann zu verstehen, seine Schwächen und Prägungen mitzudenken.

Es ist definitiv ein mutiges Buch. Dennoch liest sich das Buch an vielen Stellen als eine späte Abrechnung mit ihrem verstorbenen Mann. Brinkgreve benennt Kränkungen und Versäumnisse klar und ungeschönt. Ihr Mann erscheint dabei fast durchweg emotional unzugänglich, oft unsympathisch und sehr verletzend. Zwar bemüht sie sich stellenweise, seine Prägungen und Schwächen zu verstehen, doch das Gesamtbild bleibt einseitig. Man lernt ihn fast ausschließlich aus der Perspektive ihrer Enttäuschung kennen. Und genau hier bin ich im Zwiespalt. Schreiben als Therapie und als Versuch der Aufarbeitung ist absolut nachvollziehbar. Aber ist es auch notwendig, ein so persönliches und letztlich einseitiges Zeugnis zu veröffentlichen? Der Mann, über den sie schreibt, lebt nicht mehr. Er kann sich nicht äußern, nicht widersprechen, keine eigene Sicht beisteuern. Damit habe ich meine Probleme.

Insgesamt ist es eine eindringliche Auseinandersetzung mit Liebe, Abhängigkeit, Entfremdung und der Frage, warum wir manchmal in Beziehungen bleiben, die uns nicht guttun. Vier Sterne für diese radikale Ehrlichkeit und emotionale Tiefe.