Liebe widersetzt sich der Ordnung

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Die Autorin Christien Brinkgreve, Niederländerin und Mitte 70, steht nach dem Tod ihres Ehemannes A (ein Name stand ihm wohl nicht zu in diesem Buch) vor den Scherben ihrer Liebe und versucht, sie zu einem Ganzen zusammenzusetzen, das auch in der Erinnerung einem kritischen Blick besteht. Aber Liebe ist nicht Lego und so baut sie an einer Stelle auf und woanders entgleiten ihr die Gefühle. Nicht einmal das Umräumen ihrer Wohnung lässt sich ohne Widerstände von außen und innen bewerkstelligen, Brinkgreve war immerhin 40 Jahre mit A verheiratet und hat mit ihm zwei nun erwachsene Söhne sowie Töchter aus seiner ersten Ehe. Allen soll alles recht gemacht werden, war nicht geht. Setzt sie ihren Kopf durch, erfährt sie Kritik und Ablehnung. Erst allmählich, das Trauerjahr neigt sich schon dem Ende zu, wird sie selbstbewusster und ruhiger.
Als Brinkgreve und A heiraten, ist sie eine angehende promovierte Wissenschaftlerin, Soziologie, Psychologie, Psychotherapie, Feminismus und andere Themen, über die beide diskutieren können, an denen beide interessiert sind, scheinen der Kitt der frühen Beziehung. Noch schmückt sich der etwas ältere Mann, der seine erste Ehe gerade beendet, mit der klugen neuen Frau. Sie sieht diese Zeit so: „Ich verliebte mich nicht nur in den Mann, sondern auch in seine Entourage.“ Ich setze hinzu, auch in seinen Geist. Und sie gibt ihm von Anbeginn an nach, sogar den Verlust ihres eigenen Hauses nimmt sie in Kauf.
Aber als die Kinder kommen, erwartet er auch von einer Professorin gewisse zur Familie passende Eigenschaften. Dass Brinkgreve sich mit Hilfe von Haushaltshilfen Freiräume für ihre Arbeit erschafft, stößt auf wenig Gegenliebe. Im Rückblick lässt sie die Entwicklung an sich vorbeiziehen, erinnert sich an ihre Rückzüge, zuerst nur ins Arbeitszimmer unterm Dach, später auch nach Egmond in das Wochenendhaus. Etwas, das sich nicht jede Frau leisten kann, die Kinder und Arbeit unter einen Hut bringen will oder muss. Brinkgreve will. Und A nimmt übel, später werden ihr die Söhne verraten, dass auch sie die sich zurückziehende Mutter in gewisser Weise vermissten. Kolleginnen sehen die Rolle der Mutter nicht ausgefüllt und in Gefahr. Dabei versucht Brinkgreve, gerade die sogenannte Sorgearbeit zur Zufriedenheit aller zu erfüllen. Vorwürfe allenthalben.
In ihrem Versuch, die Liebe zu ordnen, schwankt die Autorin zwischen Selbstmitleid und Selbstliebe, zwischen Selbstverleugnung und Selbstbestimmung, dieses „Selbst“ hat ihr im Rückblick das Leben zur eigenen Hölle gemacht. Auch wenn sie irgendwann schreibt „Das Erschaffen einer eigenen Welt bot mir Schutz…“, frage ich „Schutz vor dem Ehemann?“ oder „Schutz vor dem Gedanken, sich von ihm zu trennen?“ Brinkgreve ist klug, sehr klug, sie weiß genau, was eine Trennung bedeutet. Verlust der Gemeinsamkeit, Verlust von Freundschaften, Verlust des Vertrauens der Kinder oder Schlimmeres. All das wollte sie nie, macht sich die Unfähigkeit, diese Entscheidung zu treffen, jedoch auch zum Vorwurf.
Brinkgreve ist sich ihrer selbst nicht sicher, der Ehemann war von Depressionen, oder wie er es nannte, von „Schwermut“ betroffen, Therapien lehnte er ab, die gemeinsame Paartherapie war aus meiner Sicht mit ihm der falsche Weg. Er kapselte sich immer mehr ab, wurde unleidlich, böse und grob in den Umgangsformen. Nur wenn sein Helfersyndrom beansprucht wurde, lebte er freundlich auf. Nicht unbedingt eine Ehe wie aus dem Bilderbuch. Freunde, Bekannte und Kollegen bemerkten diese Stimmungswechsel, konnten ihre Haltung, unbedingt bei ihrem Mann bleiben zu wollen, bald nicht mehr verstehen. „Womöglich konnte ich auch nicht ohne ihn?“. Diese Frage stellt sie sich nun selbst.
Als der Ehemann krank wird, erübrigt sich jeder Gedanke an Flucht, da heißt es „in guten, wie in schlechten Tagen“, dass sie in den schlechten Tagen eine Menge aushalten muss, lässt sich nachvollziehen anhand ihrer Selbsterkenntnisse. Sie war 40 Jahre lang zu nachgiebig, zu anpassungswillig, zu lieb. „Ich kam nicht gegen ihn an.“ Mit dem Aufräumen und Entrümpeln des Hauses kommt sie dann endlich doch gegen ihn an, aber es fällt ihr schwer. Jeder Gegenstand ist eine Geschichte, mit Bedeutung, auch mit schlechter, aufgeladen.
Wenn Eheleute sich plötzlich Mails schreiben, anstatt miteinander zu reden, fühlt sich das fremd an. Erstaunlich, dass Brinkgreve auch hier noch das Schöne und Freundliche sucht und findet, von einem Menschen, der sie offen ablehnt, sie nicht im Fokus haben will, sie lieber nicht ansieht. Wer so sehr sich selbst aufgibt, hat am Ende Schwierigkeiten, sich selbst noch zu sehen und zu erkennen.
Brinkgreve schreibt das alles in einem gut lesbaren Stil, sie ist versiert im Schreiben und Formulieren, aber es gelingt ihr nicht, eine Ordnung in ihre Liebe zu bringen. Ihre Liebe, die so sehr auch Selbstaufgabe war, widersetzt sich. Im Epilog schreibt sie „Das Schreiben war eine Art Studie, … Es legt offen. … Es kleidet Erfahrungen in Worte, die bisher wortlos gespeichert waren. …“
Mich hat dieses Buch trotz der Offenheit nicht sehr berührt, vielleicht ist es so, dass ich das, was ich hier erfahren habe mit einem Seufzer der Erleichterung gelesen habe. Mein Leben war nicht so, ist nicht so. Da möchte ich nicht gern allzu negative Erfahrungen von anderen Frauen haben, die mir die Seele beschweren.
Es ist für Brinkgreve am Ende eine Neuordnung der Gedanken und Erinnerungen, der Gefühle und Schmerzen und auch des Hauses. Sie wird damit weiterleben. Vielleicht ist es das, was Brinkgreve gebraucht hat, einmal alles durchdenken und dann dieses Buch beenden. Der Ehemann A wird dadurch nicht besser und auch nicht schlechter, jedoch kann sie sich der angenehmen, bereichernden Zeit mit ihm wieder ohne Scheu erinnern. Schlechtes wird verblassen, ich wünsche ihr genügend Zeit, das auch zu genießen.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.