Radikal ehrlich und authentisch

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leslie Avatar

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Kein Wohlfühlbuch, wie das blumige Cover suggeriert, vielmehr eine Art Lebensbilanz einer älteren Frau, die auf ihre Ehe mit dem egozentrischen und früh traumatisierten, in Holland sehr bekannten Journalisten zurückschaut, der vor ein paar Jahren gestorben ist. Ihr Bericht ist radikal ehrlich. Sie vermeidet es, den Verstorbenen zu idealisieren. Bewusst setzt sie sich von Trauerbüchern wie dem Joan Didions oder Julian Barnes ab, die den verstorbenen Partnern ein Monument setzen. Sie schaut genau hin, erzählt von Beziehungsschwierigkeiten, Lebenslügen und einer - bei aller Liebe - zunehmenden Entfremdung zwischen den Eheleuten. Als Soziologin und Psychologin ordnet sie das klug in ein gesellschaftliches Muster ein: Frauen bekennen sich zum Feminismus, aber wenn es um die eigene Beziehung geht, ordnen sie sich schnell unter und entsprechen den Erwartungen und Mustern, die sie in ihrer eigenen Familie kennengelernt haben. Wer diesen stark psychologisierenden Blick auf die eigene Person und derart literarische Selbsttherapie nicht mag, wird wenig mit dem Buch anfangen können. Etwas mehr Distanz durch Humor oder Selbstironie hätte ihm sicher gut getan.