Schonungslos aber empathisch
Die Autorin, Professorin für Soziologie und Frauenforschung, setzt sich in ihrem Buch mit den Entwicklungen ihrer Ehe - angefangen mit der großen Liebe- endend in schweigendem Nebeneinander- auseinander, wobei Auslöser ihrer Reflexion der Tod ihres Mannes ist, einhergehend mit der Konfrontation des im Chaos versinkenden Hauses, welches beide gemeinsam bewohnt haben.
Dem Aufräumimpuls und dem damit verbundenen Gefühl des Ballastabwerfens folgt das Bedürfnis, auch mit der Vergangenheit „aufzuräumen“, sie zu analysieren und den Spuren des gemeinsamen Lebens zu folgen um Klarheit darüber zu gewinnen, wie und warum sich die eheliche Beziehung so entwickelt hat, wie sie sich am Ende darstellte. Die Autorin geht bei der Sichtung ihres “ Erinnerungsnachlasses“ dabei zurück bis in ihre Jugend, indem sie ihre Beziehung zu ihrer Mutter und deren Rollenverständnis analysiert. Früh eingeprägte Verhaltensmuster werden dabei deutlich, wie etwa, Konfrontationen aus dem Wege zu gehen, starke Harmoniebedürftigkeit, Übernahme der Sorgearbeit für das Wohlbefinden der Familie u. a.. Demgegenüber steht das Bedürfnis, sich von festgefahrenen Frauenbildern zu lösen und neben der Rolle als Ehefrau und Mutter auch die eigenen Bedürfnisse und Entwicklungschancen nicht zu vernachlässigen. Ihre berufliche Tätigkeit, welche ihr Anerkennung und Befriedigung verschafft, stellt sich nach der Pensionierung des intellektuellen Ehemannes, der sich überflüssig fühlt und von lebenslangen Verlustängsten geprägt ist, als zunehmendes Problem dar und vertieft die Entfremdung, die sich über Jahre abgezeichnet hat.
Die Sprachlosigkeit zwischen den Eheleuten und die emotionale Entfremdung lässt sich nicht mehr überwinden, und erst nach der Aufarbeitung der Vergangenheit kann ein Neuanfang erfolgen. Die Autorin analysiert sehr detailliert die komplexe Struktur ihrer Beziehung, wobei sie schonungslos ehrlich ist, aber den empathischen Blick auf ihren Partner nie verliert und die Liebe, die sie ursprünglich verband immer noch spürbar bleibt.
Die Autorin hat ein ausgesprochen interessantes, nicht ganz einfach zu lesendes Buch geschrieben, das sich intensiv mit dem Bild der Frau in der Gesellschaft und der Gleichberechtigungsproblematik auseinandersetzt und in dem viele Wahrheiten ausgesprochen werden, die zum Nachdenken anregen und sicher vielen Leserinnen Denkanstöße vermitteln werden. Einziger Kritikpunkt meinerseits, dass ich gegen Ende des Buches das Gefühl hatte, das bestimmte Aspekte bereits mehrfach beleuchtet worden waren, trotzdem werde ich das Buch bestimmt noch einmal lesen!