Warum bin ich nicht gegangen?

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"Es ist - teilweise - eine schmerzhafte Geschichte: Darf ich das überhaupt machen?"

Als ihr Mann A nach schwerer Krankheit stirbt, steht Christien Brinkgreve vor einem Haus voller angesammelter Gegenstände, Erinnerungen und Träume. Sie muss sich nun, verwitwet und mit dem Chaos des Verstorbenen zurückgelassen, der Zukunft zuwenden. Doch das kann nur gelingen, wenn sie aufräumt: im Haus, in ihren Gedanken, in der Vergangenheit. Von diesem Akt des Ordnens zeugt dieses Buch.

Die Autorin erzählt hier also ihre sehr intime Geschichte der Trauer, aber auch der Wut und des Wieder-zum-Leben-Erwachens. Wir lesen von einer Beziehung, die anfangs interessant war, die mit Feuer und gegenseitigem, tiefem Interesse begonnen hat, und dann, wie so oft, verebbet ist. Doch warum ist das geschehen? Brinkgreve begibt sich auf die Spurensuche und findet heraus: Virel von dem, was geschehen und nicht geschehen ist, lässt sich darauf zurückführen, dass sie im privaten Leben nie gewagt hat Raum einzunehmen. Während sie im Außen als erfolgreiche Professorin für Soziologie (Schwerpunkt Feminismus und Geschlechterrollen, wie ironisch) stark und souverän auftrat, hat sie sich im Privaten auf die Hausfrauenrolle zurückgezogen. Auf traditionelle Geschlechterbilder. Kam im Kleinen nicht weg von dem, was sie im Großen schon durchschaut hatte. Eine üble Dynamik, die viele Frauen, v.a. aus dieser Generation, kennen.

Brinkgreve gelingt es, ein respektvolles Bild von ihrem Mann A zu zeichnen (den man natürlich ergooglen kann, genauso wie ihre beiden Söhne), obwohl er in meinen Augen die Bürde ihres Lebens war. Ein selbstbezogener Narzisst, der es nie geschafft hat, sein Kindheitstrauma aufzuarbeiten, und dadurch so tief in seiner Verzweiflung feststeckte, dass das Leben nicht zu ihm durchdrang. Die Autorin mag noch so nuanciert darüber berichten, wer von ihnen beiden welche Probleme in die Beziehung gebracht hat, wer für welche Dynamiken verantwortlich war - bei mir regte sich beim Lesen vor allem Wut. Wut auf diesen Mann, der ohne zu zögern seine Frau beleidigt, herabwürdigt, entmündigt, nur um sich in seiner Verlorenheit und Hilflosigkeit besser und größer zu fühlen. Wut auf diese Frau, die so oft gespürt hat, dass sie gehen müsste, aber nie den finalen Mut dazu aufbringen konnte. Die sich in dieses Leben eingefügt hat, aus irgendwelchen fehlgeleiteten Pflichtempfindungen, aus einer fehlgeleiteten Retterposition heraus (wir retten niemanden und dürfen uns auch nicht anmaßen zu denken, dass wir das können!), schlichtweg aus Feigheit. Ich habe kein Verständnis mehr dafür , dass (finanziell und gesellschaftlich unabhängige) Frauen ihr ganzes Sein an "diesen einen Mann" heften, der ihnen so offenkundig nicht gut tut, der sie verletzt, der sie klein hält. Warum soll es so wichtig sein, ausgerechnet von gerade diesem Mann geliebt und begehrt zu werden? Warum wird daran alles gekoppelt, an diese absurde Hoffnung, die eigenen Bedürfnisse könnten wie durch ein Wunder von gerade dem Menschen befriedigt werden, der sich rundheraus weigert, diese Bedürfnisse überhaupt nur zu sehen?

Brinkgreve sieht die Beziehung in der Restrospektive durchaus kritisch. Sie reflektiert sehr differenziert über die vielen verschiedenen Lebensphasen, über das Gute und das Schlechte, und fragt sich wiederholt: Ja, warum bin ich denn eigentlich nicht gegangen? Sie findet auch keine zufriedenstellende Antwort auf diese Frage. Stattdessen räumt sie auf, innerlich und äußerlich, dreht Schleifen durch Haus und Herz. Man liest sehr oft sehr ähnliches in diesem Buch, es dreht sich wirklich im Kreis, hat kein Ziel, keine Pointe, ist eigentliche eine endlose Reflexion, die mit dem Anfang des Buches nicht anfängt und mit dem Ende nicht endet. Das ist recht interessant zu lesen, da es widerspiegelt, dass das Aufarbeiten großer und schwieriger Dinge kein geradliniger Prozess ist.

Insgesamt ist das Buch als Rückblick auf ein gemeinsames Leben zu sehen, das in Teilen gelungen ist, in großen Teilen aber auch gescheitert. Beide Beziehungspartner haben gelitten. Keiner hat gehandelt und eine Entscheidung getroffen. Sie haben sich gegenseitig gefangen gehalten, erstarrt in der Angst, was ohne den anderen passieren könnte, statt etwas zu wagen. Ich lese das Buch als Warnung: Lass dir nie die Luft abschneiden, lass dir nie den Raum nehmen, das Wort verbieten, die Größe stehlen. Ein paar schöne Momente wiegen keine Bosheit auf und entschuldigen sie auch nicht. Es ist Zeit zu gehen, wenn das eigene Wohlbefinden unter permanentem Beschuss steht. Brinkgreve kann wieder atmen, nachdem A tot ist, auch wenn sie trauert. Und das ist Zeichen genug, dass ein Ende mit Schrecken schon sehr viel früher in dieser verfahrenen Beziehung angemessen gewesen wäre.