Bewegende Familiengeschichte im australischen Outback

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REZENSION – Schon vor 14 Jahren veröffentlichte die in Perth (Westaustralien) aufgewachsene, aber seit Jahrzehnten in London als Rechtsanwältin tätige Autorin Margot Louise Stedman (54) ihren Debütroman „Das Licht zwischen den Meeren“. Der 1926 in ihrer westaustralischen Heimat spielende Roman wurde ein in 45 Sprachen übersetzter Weltbestseller und vier Jahre später verfilmt. Erst jetzt erschien – fast zeitgleich mit dem englischen Original – im März ihr zweiter Roman „Ein weites Leben“ wieder im Blanvalet Verlag. Auch diesmal führt uns Stedman zurück in die Historie ihrer Heimat und erzählt, beginnend im Jahr 1958, über drei Generationen die Familiengeschichte der MacBrides, einer erfolgreichen Schafzüchter-Dynastie im westaustralischen Outback, sowie vom Wandel des dortigen Landlebens im Lauf von fast fünf Jahrzehnten.
Seit Generationen lebt die Familie MacBride trotz mancher naturbedingter Rückschläge recht erfolgreich auf der entlegenen, in ihrer Weite kaum überschaubaren Schaffarm Meredith Downs. Um von einer Grenze zur anderen zu kommen, braucht man mit dem Pick-up auf unwegsamen Schotterwegen mehrere Stunden. Der nächste Nachbar lebt 60 Kilometer entfernt. Eines Tages verändert ein Verkehrsunfall dieses ruhige, genügsame Farmleben: Der Vater und der erstgeborene Sohn kommen ums Leben, nur der erst 17-jährige Matthew überlebt schwerstverletzt. Nach langem Krankenhaus- und Reha-Aufenthalt in der Stadt einigermaßen wieder genesen, kehrt Matt zu Mutter und Schwester auf die Farm zurück. Als überlebender Erbe ist er nun allein für Farm und Wohlergehen der Familie und aller Farmarbeiter verantwortlich. Doch dann schlägt das Schicksal ein zweites Mal zu. Diesmal erleidet Matt keinen körperlichen, sondern einen seelischen Schaden, der nicht nur sein eigenes weiteres Leben schwer in Mitleidenschaft zieht.
Stedman beschreibt die psychische Entwicklung ihrer Figuren äußerst eindrucksvoll und mit starker Sensibilität. Sie schildert verständnisvoll, dabei ohne jede Dramatik, wie ein einzelner Moment das Leben einer Familie verändern und auf Dauer prägen kann und wie jeder Einzelne trotz traumatischer Erlebnisse und Erfahrungen versuchen muss, neuen Halt im Leben zu finden.
Bei der Charakterisierung ihrer Figuren verzichtet die Autorin auf eine klischeehafte Aufteilung in Gut und Böse, sondern lässt sie – jede auf ihre individuelle Weise – moralisch ambivalent erscheinen. Vielleicht hätten wir Leser uns in dem einen oder anderen Moment anders verhalten. Aber auch die vom jeweiligen Protagonisten vollzogene Entscheidung – oder auch sein Versagen – ist in der geschilderten Situation psychologisch nachvollziehbar und verständlich.
Der Roman „Ein weites Leben“ ist keine oberflächliche Familiengeschichte, sondern beeindruckt durch seine psychologische und emotionale Tiefe ohne jede Sentimentalität. Die Autorin zeigt glaubwürdig, wie Menschen – jeder auf seine Weise – mit Verlust, Trauer und Schuld umgehen und innere Konflikte zu bewältigen versuchen, wie sie Fehler machen, an sich selbst verzweifeln, sich aber trotzdem weiterentwickeln.
Die ruhige Erzählweise der Autorin fordert von deutschen Lesern ohne konkrete Vorstellung vom Leben im australischen Landesinneren vielleicht Geduld. Andererseits vermittelt diese oft in Einzelheiten gehende, überaus atmosphärische Schilderung die für das Outback so typische endlose Weite, die erbarmungslose Hitze und Dürre, die Einsamkeit der Landschaft und Verlorenheit der Menschen. Gerade diese sprachliche Entschleunigung fördert die passende Grundstimmung des Romans und gibt seinen Figuren den nötigen Raum zur charakterlichen Entfaltung.
Mit leisen Zwischentönen schafft Stedmann in ihrer Erzählung eine besondere, durchaus packende Intensität und emotionale Tiefe, die auch nach Ende der Lektüre noch anhält. Wer gern bewegende Familiengeschichten liest oder sich für das harte, in früheren Jahrzehnten oft entbehrungsreiche Leben im australischen Outback interessiert, sollte ihren Roman „Ein weites Leben“ unbedingt lesen.