Nur ein Augenblick im Fluss der Zeit

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gabiliest Avatar

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M.L. Stedman hat mit “Ein weites Leben” einen epischen Familienroman geschrieben, dessen Erzählbogen sich über ein halbes Jahrhundert spannt. In leuchtenden Farben führt der Buchumschlag in das westliche Australien, nach Meredith Downs.

Auf dieser entlegenen Schaffarm lebt die Familie MacBride, Vater Phil und seine zwei Söhne sind auf dem Weg in die Stadt. Doch ein Augenblick verändert ihr Schicksal und damit das der ganzen Familie. Phil und der ältere Sohn werden bei einem Verkehrsunfall getötet, der jüngere Sohn, Matthew, erleidet eine schwere Kopfverletzung und hat lange mit Beeinträchtigungen zu kämpfen. Mutter Lorna und seine Schwester Rose kümmern sich, Rose zeigt ihm die Farm, um seine Erinnerung anzuregen. Doch als ein Unwetter kommt, suchen beide in einem Schuppen Schutz- und wieder ein Augenblick, dem kein Vergessen gegönnt sein wird.

Rose verlässt die Farm und kehrt mit einem namenlosen Säugling zurück. Aus Scham und Bedrängnis trifft sie eine verzweifelte Entscheidung. Ein furchtbarer Augenblick, der kein Erbarmen kennt.

Als Baby Andy als Waisenkind auf der Farm bei seinem Onkel Matthew und Großmutter Lorna aufwächst, meint Matthew, sich zu erinnern, an Regen, der auf das Dach trommelte und an seine Schwester Rose. Nunmehr von Schuldgefühlen zerrissen, verweigert er sich die Erfüllung seiner Träume und die Liebe.

M.L. Stedman hat eine tragische und tiefgründige Geschichte über das einfache Leben auf der Schaffarm der MacBrides in einem kargen Landstrich geschrieben. Trotz allen Unglücks bemühen sich Matthew und Lorna, die Farm am Leben zu erhalten und Andy alle Liebe zu geben. Doch Andy ist ein aufgewecktes Kind, das sich nicht damit abfinden will, seinen Vater nicht zu kennen. Wieder unternimmt Matthew alles, um das Geheimnis zu bewahren, das ihn schon seit so langer Zeit bedrückt. Der Augenblick, in dem es gelüftet wird, würde das Leben der Familie in den Abgrund stürzen.

Neben dieser von Tragik überschatteten Familiengeschichte beschreibt die Autorin, wie sich die wirtschaftliche Situation der Schaffarm verändert. Da das Land den MacBrides nicht gehört, können Bergbauunternehmen ihre Claims abstecken, Spannungen sind normal. Doch findet Andy so eine Freundin, die seine Leidenschaft für Mineralien teilt, auch wenn sie schon erwachsen ist. Immer wieder scheint sich eine zarte Liebesgeschichte zwischen Matthew und der Geologin Bonnie anzubahnen, doch im entscheidenden Augenblick ist Matthew nicht bereit. Dieses Bild der Schuld, das die Autorin feinfühlig zeichnet, zeigt den Zwiespalt, in dem sich die Protagonisten des Romans wiederfinden und wodurch das schmerzhafte Bewältigen der Vergangenheit lange nicht gelingen mag.

So zerrinnt die Zeit, nur gebändigt und im Takt gehalten von “Old Wally”, der Uhr, die schon seit Jahrzehnten im Besitz der MacBrides ist, die tröstend die Stunden schlägt, gleichgültig gegenüber den menschlichen Schicksalen und unbeeindruckt von den Augenblicken, die diese Schicksale für immer verändern.

Mein Fazit:
M.L. Stedmann hat mit “Ein weites Leben” einen realitätsnahen, durch seine psychologische Tiefe faszinierenden Roman geschrieben, der in klarer Sprache präzise die Bruchlinien aufzeigt, die zwischen Schuld und unausweichlichem Geschehen liegen.
Was wie ein unentrinnbares Schicksal scheint, wendet die Autorin im letzten Teil ihres Buches in eine mit großem Einfühlungsvermögen beschriebene positive Richtung. So finden die Lesenden in diesem Roman ein überzeugendes Ganzes, das durch seine Vielfalt besticht und ein außergewöhnliches Leseerlebnis bietet.