Etwas oberflächlich, aber nett zu lesen

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern Leerer Stern
babsiemarie Avatar

Von

Zugegeben, nach der Leseprobe von „Einatmen. Ausatmen“ hatte ich etwas Anderes erwartet. Ich hatte mir das Buch ironischer vorgestellt, hatte gedacht, Maxim Leo würde sich deutlicher mit der Kommerzialisierung und Europäisierung fernöstlicher Achtsamkeitstechniken auseinandersetzen, ebenso mit der Verflachung psychologischer Erkenntnisse im Business-Coaching. Das deutet sich zwar hier und da an, bleibt aber an der Oberfläche.
Und das ist mein Hauptproblem mit diesem Buch im Verlag von Kiepenheuer & Witsch. Vieles wird zur Sprache gebracht, aber auf den knapp 250 Seiten nicht tiefergehend verfolgt. Symptomatisch dafür ist die in der Szene gern wiederholte Geschichte von den beiden Wölfen, die in jedem Menschen wohnen: ein liebevoller, ein böser. Wachsen tut der, den wir mit unseren Gedanken nähren. Die Erzählung ist nett, aber etwas abgegriffen.
Minimalismus ist ebenfalls Thema, am Horizont taucht auch das Thema „Death Cleaning“ auf. Ein generationsübergreifendes Kriegstrauma klärt sich zügig durch ein Familienstellen. Dann noch ein abenteuerlicher Waldspaziergang und ein paar nette Gespräche mit dem Hausmeister, einem Ex-Astrophysiker, und die bislang gefühlskalte weibliche Hauptfigur Marlene krempelt ihr Leben um. Mag funktionieren, hat mich aber nicht überzeugt.
Trotzdem liest sich der Roman über Marlene, die zwecks Karrieresprung zu einem Achtsamkeitsseminar gezwungen wird, und ihren Coach Alex, der mit seinen Techniken selbst nicht mehr klarkommt, flott weg. Leos Sprache ist prägnant und anschaulich. In wenigen Worten lässt er Bilder entstehen. Zum Beispiel bei der Beschreibung von Alex Grow, Coach und männliche Hauptperson: „perfektes Jungslächeln, grausträhniger Urban-Samurai-Dutt und übertrieben sonore Wohlfühlstimme“. Den Typ erkennt man. Es gibt wunderbar parodistische Momente. Etwa, als Marlene eine Musterschülerin des Ein- und Ausatmens auf die Schippe nimmt.
Die gesundheitsbewussten Regelungen des Schlosses, in dem das Achtsamkeitsseminar stattfindet, werden regelmäßig unterlaufen. Während Marlene noch über das Alkoholverbot sinniert, freut sich Alex bereits auf seinen „exquisiten Rum“. In diesem Sinne verlaufen bisweilen die bissigen Wortwechsel zwischen der skeptischen Marlene und Alex. Der predigt sozusagen zeitweise Wasser und trinkt Wein, weil er von seinen eigenen Methoden nicht mehr überzeugt ist.
Komik kommt zum Beispiel mit der verrückten Tierbefreiungsaktion, zu der sich Marlene und Hausmeister Mattissen hinreißen lassen. Gut funktioniert auch der Stimmungswechsel während Marlenes Waldspaziergang: von der Beherrscherin der Lage zur verzweifelten Verlaufenen, das können die Leser mitfühlen. Eine amüsante Passage setzt sich mit der Crux auseinander, die Positionen von Feminismus und Transgender auszubalancieren. Kurzweilig wechselt Maxim Leo zwischen temporeichen Handlungen, Dialogen und Innenschau. Hier spürt man den versierten Drehbuchautor. Aber da ist auch ein wenig der Haken: Das Buch wirkt ein bisschen wie von einem 90-Minuten-Fernsehfilm her gedacht. Nicht zu viel Tiefe. Dafür aber ein Lesevergnügen für einen verregneten Sonntag. Der Rest ist eine Frage der Erwartungshaltung.