Leben lernen

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jackolino Avatar

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Das Buch von Maxim Leo verfügt über ein sehr schönes, ansprechendes florales Titelbild und der Titel ist kursiv geschrieben, nach links kursiv für das Einatmen, nach rechts für das Ausatmen. Gute Idee!
Marlene Buchholz ist eine erfolgreiche und toughe Managerin, die zwar wunderbar die Ziele ihrer Firma erfüllt, bei ihren Kollegen aber als unnahbar, kalt und gefühllos gilt. Damit sie die letzte Stufe auf der Hierarchieleiter erklimmen kann, nämlich selbst Geschäftsführerin zu werden, bittet der scheidende GF sie zu einem Achtsamkeitsseminar in einem Schloss in Brandenburg.
Ein zweiwöchiges Coaching in Alex Grows Academy soll ihr die nötige Rücksichtnahme auf die Kollegen beibringen und sie zu einem einfühlsameren Menschen machen, nur leider steht die Academy kurz vor dem Bankrott. Alex Grow hat also genügend eigene Probleme, die er aber versucht zu verheimlichen, weder die Konkurrenz noch die Mitarbeiter sollen davon erfahren. Alex passiert genau das, weswegen viele seiner Klienten und Patienten ihn aufsuchen, er entwickelt Depressionen und Panikattacken.
Marlene hatte sich noch nie für etwas anderes als ihren Job interessiert, ihre Wohnung kennt sie kaum, Hobbies hat sie keine und Urlaub ist auch ein Fremdwort für sie. Diese zwei Wochen Achtsamkeitstraining sieht sie deshalb als Strafe und Umerziehungslager und versucht, von Anfang an, sich dem so oft wie möglich zu entziehen.
Ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass sie das Leben erst lernen muss und glücklicherweise ist sie zumindest für einige Dinge in Brandenburg auch offen. Sie bricht zu Spaziergängen auf, lernt den Hausmeister des Schlosses kennen, verirrt sich bei einem Spaziergang und lässt sich sogar zu einer Aufstellung im Schloss überzeugen. Ihre Wandlung geht eigentlich recht flott vonstatten, allerdings nicht mit Atemübungen oder Yoga, sondern eher, weil sie erstmals mit offenen Augen für ihre Umwelt unterwegs ist.
Bei Alex ist die Lage schon schwieriger, er gibt Kurse zu Paarbeziehungen und ist doch selbst nicht in der Lage, eine Beziehung zu führen oder sich darauf einzulassen. Das was er anderen versucht beizubringen, missachtet er für sich selbst. Und genau das ist das Problem, er wirkt immer weniger authentisch, während Marlene sich durchaus öffnen kann und es gerade sehr schätzt, dass das Normale für sie so außergewöhnlich ist.
Subtiler Humor, feine Ironie und eine satirische Note zeichnen das Buch aus, bei manchen Beschreibungen des Kursbetriebes konnte ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Es zeigt aber auch, wie sich Deutschland in den letzten Jahren verändert hat. Was vor 10 Jahren noch zu Auszeichnungen geführt hätte, wird heute durchaus kritisch betrachtet. In einem der letzten Kapitel macht sich die Gleichstellungsbeauftragte ihre Gedanken zu den Bemühungen der letzten Jahre und bedauert, dass die Bemühungen, eine offenere und tolerantere Gesellschaft zu schaffen, eher ins Gegenteil umgeschlagen sind, weil jede Gruppe eifersüchtig ihre eigene Identität verteidigt.
Von den ernsteren Themen abgesehen, ist das Buch unterhaltsam und amüsant und lässt sich leicht lesen und ich empfehle es gerne weiter.