Unterhaltsame Sinnsuche
Der Autor Maxim Leo ist ein Garant für beste Unterhaltung. Besonders gut in Erinnerung geblieben sind mir seine autobiographisch grundierten Romane („Haltet euer Herz bereit“ und „Wo wir zu Hause sind“). Gerne gelesen habe ich aber auch das erfolgreich verfilmte Buch „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ und sein Roman „Wir werden jung sein“, wo er den Traum von der ewigen Jugend weiterspinnt.
In seinem neuesten Werk verhandelt Maxim Leo das Thema Selbstfindung und Selbstoptimierung auf gewohnt humorvolle Weise.
Marlene Buchholz steht mit Ende Dreißig kurz vor ihrem lang anvisierten Berufsziel. Ihr Chef, Dr. Finckenstein, Vorstandsvorsitzender des Konzerns, möchte sie als seine Nachfolgerin sehen. Allerdings gilt es noch eine Hürde zu überwinden. Marlene ist bei den Mitarbeitern wegen ihrer spitzen Zunge gefürchtet; sie fühlen sich von ihr permanent unter Druck gesetzt, sie verbreite ein Klima der Kälte und der Angst. Marlene versteht die Anschuldigungen nicht, ihre Bilanzen sind topp, und ein Unternehmen ist schließlich „kein Montessori-Kindergarten“. Doch ihre Einwände nutzen nichts. Marlene muss an ihrer Sozialkompetenz arbeiten, empathischer werden, wenn sie den begehrten Posten erhalten möchte. Deshalb hat Dr. Finckenstein ein zweiwöchiges Achtsamkeitsseminar bei einem führenden Unternehmens-Coach für sie gebucht.
Unwillig reist Marlene in ihr „Umerziehungslager“, wie sie es nennt, ein idyllisch gelegenes Schloss in Brandenburg.
Hier ist der Sitz der „Academy“, der Firma von Deutschlands führendem Mental Coach Alex Grow. Mit einem Heer von Mitarbeitern hat er schon unzähligen Menschen geholfen, ihre mentalen Stärken auszubauen, Blockaden zu lösen und generell ihr Potenzial zu maximieren. Dabei sieht es mit der psychischen Gesundheit von Alex selbst nicht sehr gut aus. Ein Zusammenbruch vor drei Jahren war ein erstes Warnsignal. Dazu kommen finanzielle Probleme, denn die „Academy“ steht kurz vor der Insolvenz. Da kommt ihm das Angebot von Dr. Finckenstein gerade recht. Wenn er es schafft, bei Marlene erfolgreich zu sein dann würde das künftige Business-Coaching-Programm des Konzerns über seine Firma laufen.
Maxim Leo wechselt kapitelweise die Perspektive. Mal verfolgen wir Marlenes Entwicklung, mal die Sinnkrise des Gurus, der selber Hilfe benötigt.
Marlene geht den anderen Teilnehmern nach Möglichkeit aus dem Weg. Sie hat keine Lust, vor anderen ihr Innenleben auszubreiten, genauso wenig, wie sich deren Traumata anzuhören. Auch dem üblichen Wellness-Programm entzieht sie sich.
Dagegen entdeckt Marlene durch unerwartete Begegnungen mit der Natur und der Tierwelt ganz neue Seiten an sich. Und auch die Bekanntschaft mit einem schüchternen Hausmeister, der sein Leben irgendwann rigoros umkrempelte, bringt Marlene zum Nachdenken über sich und ihr bisheriges Leben.
Der Wandel von der zielbewussten, umtriebigen Geschäftsfrau zu einer Frau, die unterdrückte und verdrängte Gefühle in sich wahrnimmt, gelingt vielleicht zu schnell. Doch Maxim Leo schafft es, ihre Wandlung glaubhaft zu beschreiben.
Manches ist dabei vorhersehbar und auch nicht jede Nebenhandlung zwingend notwendig. Aber das offene Ende versöhnt damit.
Dass Maxim Leo sich mit dem Thema auskennt - seine Frau arbeitet als Coach - zeigt sich in vielen Szenen. So ist z.B. eine der wenigen Übungen, an denen Marlene teilnimmt, eine Familienaufstellung, die genau beschrieben wird und die bei Marlene zu erstaunlichen Erkenntnissen führt.
Dabei nimmt der Autor das Milieu ernst, auch wenn er sich manch satirische Spitze erlaubt und nicht wenige Klischees bedient. Neben all der Leichtigkeit werden auch existenzielle Themen angesprochen. So z.B. wenn sich Marlene fragt, „ ob es Dinge gibt, die unveränderlich bleiben, egal, wie man sich entscheidet. Ob es etwas in uns gibt, das wir instinktiv nicht infrage stellen, das unumstößlich ist. Eine Art Wesenskern,…“
Oder wenn Maxim Leo von „ Freudenfressern“ spricht, allen voran „ die Gewöhnung, die jeden Erfolg in atemberaubendem Tempo zur Normalität werden ließ…“ , gefolgt von der „Angst, das gerade erreichte wieder zu verlieren…“
Einen kritischen Blick wirft der Roman auch auf den Zwang, sich optimieren zu müssen. So nach dem Motto „ Wer jetzt nicht heilte, der war selber schuld“.
Maxim Leo schreibt temporeich, voller Pointen und starker Dialoge. Das liest sich flüssig und unterhaltsam, regt gleichermaßen zum Lachen und zum Nachdenken an.
Passend zum Inhalt ist das von Maxim Leo zitierte Brecht-Zitat:
„Ja, renn nur nach dem Glück
Doch renne nicht zu sehr!
Denn alle rennen nach dem Glück
Das Glück rennt hinterher.“