Was im Leben zählt

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anneteekanne Avatar

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Marlene ist ein Workaholic ohne Privatleben. Sie lebt für ihren Beruf und hat ihr Ziel klar vor Augen: Vorstandsvorsitzende.
Als ihr der Posten angeboten wird, gibt es eine Bedingung dazu: eine Woche beim Mentaltrainer Alex Grow, dem Seelenflüsterer, und dieser muss bestätigen, dass sie mental total fit und perfekt für diesen Job ist. Denn bei Marlene mangelt es an Empathie.

»Marlene mochte ihr klimatisiertes Büro in der vierzehnten Etage eines Hochhauses an der Hamburger Außenalster, wo alles eine klare, sinnvolle Ordnung hatte, wo ständig interessante, herausfordernde Dinge passierten, wo sie umgeben war von ihren Assistenten, die keine ausufernden Gespräche mit ihr erwarteten und jederzeit in der Lage waren, einen guten Espresso zuzubereiten. Hier musste sie nicht entspannen, nicht dem Alltag entfliehen. Das war für sie übrigens die wichtigste Einsicht an diesem Wochenende am Meer gewesen: dass sie ihren Alltag wirklich gernhatte.« (Kapitel 1)

Aber anstatt einer Horrorwoche findet Marlene tatsächlich Einsicht, Ruhe und Vertrauen in Mitmenschen, die ihr sonst am A... vorbeigehen.
Und deshalb wird nicht nur alles hinterfragt, sondern auch ganz viel zugehört.
Denn nicht nur Marlene zweifelt an dem, was sie macht, auch Alex, Günther der Hausmeister oder die Antidiskriminierungsbeauftragte:
»Die Grundidee ihres Jobs, dafür zu sorgen, dass niemand aufgrund einer Andersartigkeit in seiner Menschenwürde verletzt wurde, drohte in allgemeiner Jammerlust zu versinken.« (Kapitel 25)

Maxim Leo hat wieder viele kleine Sätze in seinem Roman, die einen innehalten lassen, um über sich und auch andere nachzudenken. Über die kleinen Unzulänglichkeiten, die sich in den Alltag geschlichen haben, bei denen man sich fragt: „Seit wann mache ich das eigentlich so und geht das vielleicht auch anders?“ Ich würde jetzt nicht sagen, er hält der Gesellschaft den Spiegel vor, was absolut hochtrabend klänge, aber er versucht, im Kleinen auf die Dissonanzen des Lebens aufmerksam zu machen.

»Sie fragte sich, wann die Menschen eigentlich verlernt hatten zu leben. Ob sie es überhaupt je gekonnt hatten. Wie es früher war, als es noch nicht diese ganze Glücksberatung, Ernährungsoptimierung und Motivationsunterstützung gegeben hatte. Ob die Leute da vielleicht zufriedener gewesen waren.« (Kapitel 20)

Fazit: Danke, schönes Buch!