Zuerst atemlos, am Ende erleichtertes Schnaufen

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maitre Avatar

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"Einatmen. Ausatmen" hat richtig gut begonnen. Maxim Leo macht sich v.a. am Anfang des Romans über den Achtsamkeitswahn unserer Zeit lustig. Da ist einmal Marlene Buchholz, eine erfolgreiche Managerin, die dank ihrer energischen Vorgangsweise dem Konzern, in dem sie arbeitet, saftige Gewinne beschert. Deswegen soll sie auch zur Vorstandsvorsitzenden ernannt werden. Wenn da nicht ein Haken wäre: Marlene kann nicht so gut mit anderen Leuten umgehen. Sie verlangt sich selbst alles ab, aber eben auch ihren Mitarbeiter*innen. Da kann es schon einmal sein, dass sie einer Frau, die sich über die Übergriffe ihres Chefs beschwert, rät, das Ganze nicht so ernst zu nehmen.
Marlenes Aufstieg steht also fast nichts mehr im Wege. Nur eben ein Achtsamkeitstraining, zu dem sie verdonnert wird. Sie wird zum Achtsamkeitsguru schlechthin geschickt, zu Alex Grow, der aber dummerweise selbst gerade in einem Tief steckt und mit dem Druck, der auf ihm lastet, nicht mehr zurecht kommt. Anstatt seinen Patient*innen gute Ratschläge zu erteilen, muss er Panikattacken und Zukunftsängste vor ihnen gut verstecken.
Wie gesagt, die Textprobe hat mich wirklich gut unterhalten. Dann aber driftet das Ganze ab, Marlene wird sehr schnell geläutert. Anstatt weiterhin diese Achtsamkeitsrituale kritisch zu reflektieren, lässt sie sich darauf ein, bricht vor der versammelten Gruppe zusammen, weil sie eine Familienaufstellung zulässt und entwickelt sehr schnell Empathie für andere, obwohl ihr das bisher völlig fremd gewesen ist.
Das Happy End am Schluss gestaltet sich dann auch ein bisschen anders als erwartet. Ich war etwas enttäuscht, denn eigentlich habe ich mir eine Gesellschaftssatire erwartet. Stattdessen ist es eine nette Geschichte über die Bekehrung der Marlene Buchholz geworden. Ich habe die Botschaft, die Maxim Leo uns mit seinem Buch vermitteln möchte, nicht so richtig herausfiltern können. Soll man festgefahrene Wege verlassen, um sich zu einem besseren Selbst zu entwickeln? Ist beruflicher Erfolg nicht alles? Ich bin etwas ratlos.
Zugute halten kann man dem Autor, dass die Geschichte gut lesbar und streckenweise amüsant ist, eine nette Unterhaltung für zwischendurch, nicht mehr und nicht weniger.