Beklemmend authentisch und thematisch stark
Inhalt (spoilerfrei): „Eine kleine Schwindelei“ spielt im spätmittelalterlichen England um das Jahr 1500, zur Zeit von König Heinrich VII. im Tudor-Zeitalter. Fernab des Palastes ist die Welt geprägt von Armut, Schlamm, Gewalt und strengen kirchlichen Regeln. Im Mittelpunkt steht die 14-jährige Vagabundin Tibb Ingleby, die nach dem Tod ihrer Mutter und ihrer Schwester ganz auf sich allein gestellt ist. Sie muss lernen, sich in einer Gesellschaft durchzuschlagen, in der Armut und das Leben auf der Straße kriminalisiert werden und Menschen, die nicht in die gesellschaftlichen Vorstellungen passen, schnell zu Außenseitern werden. Gleichzeitig ist die Welt, in der Tibb lebt, besonders für Frauen von Unterdrückung und Gewalt geprägt.
Erzählstil und Perspektive: Die Geschichte wird überwiegend aus der Ich-Perspektive von Tibb erzählt. Dadurch bekommt man ihre Gedanken und ihre Wahrnehmung der Welt sehr unmittelbar mit. Sie kann nicht lesen und hat von ihrer Mutter nur wenig Wissen vermittelt bekommen. Ihre Sicht auf die Welt bleibt deshalb auch mit zunehmendem Alter in vielerlei Hinsicht naiv, was sich auch ganz unmittelbar in der Sprache zeigt. Die derbe, vulgäre und teilweise sehr kindliche Ausdrucksweise lässt Tibb glaubwürdig aus ihrer eigenen sozialen und historischen Welt heraus erzählen, auch dadurch hat sich für mich das mittelalterliche Setting sehr authentisch angefühlt hat. Trotzdem war genau diese Sprache aber stellenweise ein bisschen anstrengend. Besonders die ungewöhnliche Selbstansprache von Tibb hat mich immer wieder irritiert. Sie spricht sich teilweise selbst mit ihrem Namen an, wobei dabei die Stimmen ihrer Mutter oder später auch die eines Farmers in ihre Gedanken hineinspielen. Dadurch verschwimmen teilweise ihre eigene Stimme und die Stimmen der Menschen, die sie geprägt haben. Das war nicht immer leicht zu lesen, hat rückblickend aber sehr gut zur Figur gepasst und verdeutlicht, wie stark sich die Worte anderer Menschen in Tibbs Selbstbild eingeschrieben haben.
Auch die Struktur hat mir ausgesprochen gut gefallen. Es gibt unterschiedliche Zeitebenen und teilweise auch Perspektivwechsel. Man bekommt immer wieder Ausschnitte aus Situationen, bei denen man zunächst nur erahnen kann, dass etwas Schlimmes passiert ist und dass Tibb damit zusammenhängt. Erst nach und nach nähert man sich diesen Ereignissen an und versteht, wie alles miteinander verbunden ist. Ab ungefähr der Hälfte konnte ich das Buch kaum noch aus der Hand legen. Die sehr kurzen Kapitel haben diesen Effekt zusätzlich verstärkt.
Figuren: Tibb ist für mich eine sehr interessante, aber auch schwierige Protagonistin. Gerade ihre Naivität macht sie nicht immer einfach zugänglich. Gleichzeitig wird durch ihre Perspektive sehr deutlich, wie stark ein Mensch durch seine Umgebung und durch die Aussagen anderer geprägt werden kann. Besonders bedrückend fand ich ihre Kindheit. Man erlebt sehr eindringlich, wie gewisse Erfahrungen das Selbstbild eines Kindes zerstören können und wie lange manche Worte nachwirken. Auch Tibbs Mutter fand ich sehr gut gezeichnet, spielt sich doch trotz ihren frühen Tods eine tragende Rolle im Verlauf der Geschichte. Ihre psychischen Hoch- und Tiefphasen und ihr Umgang damit fand ich sehr interessant dargestellt, z.B. ihr Substanzmissbrauch und wie sie beispielsweise Muskat als Rauschmittel eine Rolle spielt. Auch Ivo ist für mich eine besonders wichtige Figur, weil sich an seiner Geschichte zeigt, wie gefährlich es im mittelalterlichen England sein konnte, homosexuell zu sein. Seine Sexualität ist nicht einfach ein persönlicher Teil seines Lebens, sondern etwas, das unter den damaligen religiösen und gesellschaftlichen Vorstellungen lebensbedrohliche Konsequenzen haben konnte.
Themen: Besonders stark fand ich die Kritik an der Kirche und an der Macht religiöser Institutionen. Der Roman zeigt eine Gesellschaft, in der die Kirche im Mittelalter eine enorme Macht über das Leben der Menschen besitzt und in der religiöse Autoritäten diese Macht ausnutzen können. Menschen vertrauen Priestern blind und glauben, dass diese ihnen Zugang zu Gott, Heilung oder sogar zu einem besseren Leben verschaffen können. Geld wird dabei zur Gegenleistung für religiöse Versprechen und ich finde, diese Ausbeutung der Gutgläubigkeit wurde unglaublich eindringlich dargestellt. Interessant ist dabei vor allem die Paradoxie, die der Roman herausarbeitet, denn einerseits stehen christliche Vorstellungen wie Nächstenliebe und Barmherzigkeit im Mittelpunkt, andererseits werden Menschen ausgegrenzt, verfolgt und grausam bestraft. Gleichgeschlechtliche Sexualität wird als Sünde und Sodomie betrachtet, Frauen werden unterdrückt und körperlich kontrolliert, Betteln und Vagabundentum werden kriminalisiert und Menschen können wegen ihres Lebenswandels Gewalt, Folter oder sogar dem Tod ausgesetzt sein. Dabei wird Religion aber nicht einfach pauschal als etwas Negatives dargestellt, sondern die Autorin lässt ihre Figuren (überwiegend Ivo) zwischen institutionalisierter Religion und persönlichem Glauben unterscheiden. Auch die Darstellung der Lebensrealität von Frauen fand ich besonders eindringlich. Der Roman zeichnet eine Welt, in der Männer Frauen immer wieder Gewalt antun, sie ausbeuten und ihre Abhängigkeit für sich nutzen. Besonders prägend ist dabei die Warnung, die Tibb von ihrer Mutter mit auf den Weg bekommt: Sie soll Männern nicht vertrauen, ihnen möglichst aus dem Weg gehen und ihren Versprechen keinen Glauben schenken. Denn immer wieder zeigt sich, dass Männer ihre eigenen Interessen und Triebe über die Bedürfnisse und die Sicherheit von Frauen stellen und Frauen am Ende mit den Konsequenzen alleinlassen.
Besonders deutlich wird diese Ungleichheit auch beim Thema Ehebruch. Während Männer offenbar vergleichsweise wenig Konsequenzen für ihr Verhalten zu befürchten haben, können Frauen für denselben oder einen ähnlichen Vorwurf durch kirchliche und gesellschaftliche Bestrafung massiv unter Druck geraten. Diese Doppelmoral fand ich beim Lesen unglaublich wütend machend.
Überhaupt zieht sich die Erfahrung männlicher Gewalt wie ein roter Faden durch die Geschichte. Frauen müssen lernen, sich vor Männern zu schützen, statt von ihnen Schutz erwarten zu können. Gerade deshalb fand ich die Warnungen von Tibbs Mutter so eindringlich: Sie vermittelt ihrer Tochter nicht, dass Männer grundsätzlich vertrauenswürdig sind, sondern dass sie vorsichtig sein und sich im Zweifel von ihnen fernhalten muss. Diese Perspektive ist teilweise sehr düster, passt aber zu der Welt, die der Roman zeichnet, und macht die Erfahrungen der weiblichen Figuren besonders beklemmend. Ein weiteres wichtiges Thema ist das Außenseitertum. Menschen, die anders aussehen, anders leben oder nicht in die Vorstellungen der Mehrheit passen, werden schnell zu Fremden gemacht. Sie werden nicht nur gemieden, sondern teilweise regelrecht verteufelt und als „Brut des Teufels“ bezeichnet. Der Roman zeigt dadurch sehr deutlich, wie schnell gesellschaftliche Ausgrenzung in Gewalt umschlagen kann und das begrenzt sich nicht nur aufs Mittelalter, sondern hat noch heute bedauerlicherweise Bestand.
Symbole: Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir das wiederkehrende Motiv des Dachs über dem Kopf. Natürlich kann man es zunächst ganz wörtlich verstehen: Ein Dach bedeutet physischen Schutz vor der Außenwelt und Sicherheit. Gerade in der Welt des Romans, in der Armut, Gewalt und Ausgrenzung allgegenwärtig sind, ist ein sicherer Ort alles andere als selbstverständlich. Im Roman steht es aber auch für Schutz, den man nicht unbedingt an einem Ort, sondern in anderen Menschen findet. Es kann auch eine Gemeinschaft sein, in der man sich sicher und angenommen fühlt. Auch die Kirche lässt sich symbolisch lesen, so steht sie doch für die institutionelle Autorität, die vorgibt, moralische Orientierung und Schutz zu bieten, gleichzeitig aber selbst Ausgrenzung und Gewalt hervorbringen kann. Gerade darin liegt für mich eine zeitlose Dimension des Romans, denn die Frage, was passiert, wenn Menschen Institutionen oder Autoritäten blind vertrauen, lässt sich durchaus auch auf heutige religiöse und politische Strukturen übertragen.
Fazit: Ich muss sagen, dass mich „Eine kleine Schwindelei“ am Ende deutlich mehr überzeugt hat, als ich nach den ersten Kapiteln erwartet hätte. Der Einstieg war für mich zunächst sehr ungewöhnlich. Ich konnte die Geschichte kaum einordnen, fand die Sprache teilweise anstrengend und die Selbstansprache von Tibb verwirrend. Auch den Humor, von dem ich in anderen Rezensionen gelesen habe, habe ich überhaupt nicht empfunden. Ich fand das Buch an keiner Stelle wirklich lustig oder musste schmunzeln. Bei mir waren stattdessen vor allem Beklemmung, Entsetzen über die dargestellte Grausamkeit und Spannung vorherrschend. Gleichzeitig hat mich genau diese Spannung irgendwann komplett gepackt. Spätestens ab der Hälfte bin ich nur noch durch die Seiten geflogen. Die kurzen Kapitel, die verschiedenen Zeitebenen und die nach und nach zusammenlaufenden Handlungsstränge haben einen unglaublichen Sog entwickelt. Besonders wertvoll fand ich die vielen Themen, die der Roman miteinander verbindet: Macht und Religion, die Stellung der Frau, Ausgrenzung, Armut, Gewalt, Trauma, Freundschaft und die Frage, was einem Menschen tatsächlich Schutz und Halt geben kann. Auch wenn ich nicht beurteilen kann, wie historisch akkurat die Darstellung des mittelalterlichen England tatsächlich ist, hat sie sich für mich sehr authentisch angefühlt, u.a. da sie teilweise auf wahren Begebenheiten und echten Ortsnamen basiert. König Heinrich VII. und seine Mutter Margaret Beaufort gab es ja auch tatsächlich. Außerdem ließ sich die Autorin Rosanna Pike von der Geschichte der „Heiligen Magd von Leominster“ (Holy Maid of Leominster) inspirieren, um die Handlung der zweiten Hälfte des Romans zu entwerfen. Auch die Ortsnamen sind real, die Autorin nutzt die Geografie des damaligen Englands als eine Art historische Landkarte für Tibbs Reise. Die Orte, durch die Tibb zieht, existieren heute noch und waren schon um 1500 bedeutende Schauplätze. Die gesellschaftlichen Strukturen, die religiöse Macht, die Lebensbedingungen und auch die Sprache haben für mich auf jeden Fall ein überzeugendes Bild dieser Zeit erzeugt. Ich habe bisher noch nichts gelesen, das sich wirklich ähnlich angefühlt hat. Besonders die Konstruktion der Geschichte, die Themen und die historische Einbindung haben mich beeindruckt und gefesselt. Und auch wenn ich den großen Kniff am Ende ein wenig konstruiert empfunden habe, hat er für mich funktioniert. Ich möchte dazu aber gar nicht mehr sagen, um niemandem etwas vorwegzunehmen. Insgesamt ein historischer Roman, der mich vor allem durch seine düstere Atmosphäre, seine gesellschaftskritischen Themen und seine außergewöhnliche Erzählstruktur überrascht und am Ende sehr überzeugt hat.
Erzählstil und Perspektive: Die Geschichte wird überwiegend aus der Ich-Perspektive von Tibb erzählt. Dadurch bekommt man ihre Gedanken und ihre Wahrnehmung der Welt sehr unmittelbar mit. Sie kann nicht lesen und hat von ihrer Mutter nur wenig Wissen vermittelt bekommen. Ihre Sicht auf die Welt bleibt deshalb auch mit zunehmendem Alter in vielerlei Hinsicht naiv, was sich auch ganz unmittelbar in der Sprache zeigt. Die derbe, vulgäre und teilweise sehr kindliche Ausdrucksweise lässt Tibb glaubwürdig aus ihrer eigenen sozialen und historischen Welt heraus erzählen, auch dadurch hat sich für mich das mittelalterliche Setting sehr authentisch angefühlt hat. Trotzdem war genau diese Sprache aber stellenweise ein bisschen anstrengend. Besonders die ungewöhnliche Selbstansprache von Tibb hat mich immer wieder irritiert. Sie spricht sich teilweise selbst mit ihrem Namen an, wobei dabei die Stimmen ihrer Mutter oder später auch die eines Farmers in ihre Gedanken hineinspielen. Dadurch verschwimmen teilweise ihre eigene Stimme und die Stimmen der Menschen, die sie geprägt haben. Das war nicht immer leicht zu lesen, hat rückblickend aber sehr gut zur Figur gepasst und verdeutlicht, wie stark sich die Worte anderer Menschen in Tibbs Selbstbild eingeschrieben haben.
Auch die Struktur hat mir ausgesprochen gut gefallen. Es gibt unterschiedliche Zeitebenen und teilweise auch Perspektivwechsel. Man bekommt immer wieder Ausschnitte aus Situationen, bei denen man zunächst nur erahnen kann, dass etwas Schlimmes passiert ist und dass Tibb damit zusammenhängt. Erst nach und nach nähert man sich diesen Ereignissen an und versteht, wie alles miteinander verbunden ist. Ab ungefähr der Hälfte konnte ich das Buch kaum noch aus der Hand legen. Die sehr kurzen Kapitel haben diesen Effekt zusätzlich verstärkt.
Figuren: Tibb ist für mich eine sehr interessante, aber auch schwierige Protagonistin. Gerade ihre Naivität macht sie nicht immer einfach zugänglich. Gleichzeitig wird durch ihre Perspektive sehr deutlich, wie stark ein Mensch durch seine Umgebung und durch die Aussagen anderer geprägt werden kann. Besonders bedrückend fand ich ihre Kindheit. Man erlebt sehr eindringlich, wie gewisse Erfahrungen das Selbstbild eines Kindes zerstören können und wie lange manche Worte nachwirken. Auch Tibbs Mutter fand ich sehr gut gezeichnet, spielt sich doch trotz ihren frühen Tods eine tragende Rolle im Verlauf der Geschichte. Ihre psychischen Hoch- und Tiefphasen und ihr Umgang damit fand ich sehr interessant dargestellt, z.B. ihr Substanzmissbrauch und wie sie beispielsweise Muskat als Rauschmittel eine Rolle spielt. Auch Ivo ist für mich eine besonders wichtige Figur, weil sich an seiner Geschichte zeigt, wie gefährlich es im mittelalterlichen England sein konnte, homosexuell zu sein. Seine Sexualität ist nicht einfach ein persönlicher Teil seines Lebens, sondern etwas, das unter den damaligen religiösen und gesellschaftlichen Vorstellungen lebensbedrohliche Konsequenzen haben konnte.
Themen: Besonders stark fand ich die Kritik an der Kirche und an der Macht religiöser Institutionen. Der Roman zeigt eine Gesellschaft, in der die Kirche im Mittelalter eine enorme Macht über das Leben der Menschen besitzt und in der religiöse Autoritäten diese Macht ausnutzen können. Menschen vertrauen Priestern blind und glauben, dass diese ihnen Zugang zu Gott, Heilung oder sogar zu einem besseren Leben verschaffen können. Geld wird dabei zur Gegenleistung für religiöse Versprechen und ich finde, diese Ausbeutung der Gutgläubigkeit wurde unglaublich eindringlich dargestellt. Interessant ist dabei vor allem die Paradoxie, die der Roman herausarbeitet, denn einerseits stehen christliche Vorstellungen wie Nächstenliebe und Barmherzigkeit im Mittelpunkt, andererseits werden Menschen ausgegrenzt, verfolgt und grausam bestraft. Gleichgeschlechtliche Sexualität wird als Sünde und Sodomie betrachtet, Frauen werden unterdrückt und körperlich kontrolliert, Betteln und Vagabundentum werden kriminalisiert und Menschen können wegen ihres Lebenswandels Gewalt, Folter oder sogar dem Tod ausgesetzt sein. Dabei wird Religion aber nicht einfach pauschal als etwas Negatives dargestellt, sondern die Autorin lässt ihre Figuren (überwiegend Ivo) zwischen institutionalisierter Religion und persönlichem Glauben unterscheiden. Auch die Darstellung der Lebensrealität von Frauen fand ich besonders eindringlich. Der Roman zeichnet eine Welt, in der Männer Frauen immer wieder Gewalt antun, sie ausbeuten und ihre Abhängigkeit für sich nutzen. Besonders prägend ist dabei die Warnung, die Tibb von ihrer Mutter mit auf den Weg bekommt: Sie soll Männern nicht vertrauen, ihnen möglichst aus dem Weg gehen und ihren Versprechen keinen Glauben schenken. Denn immer wieder zeigt sich, dass Männer ihre eigenen Interessen und Triebe über die Bedürfnisse und die Sicherheit von Frauen stellen und Frauen am Ende mit den Konsequenzen alleinlassen.
Besonders deutlich wird diese Ungleichheit auch beim Thema Ehebruch. Während Männer offenbar vergleichsweise wenig Konsequenzen für ihr Verhalten zu befürchten haben, können Frauen für denselben oder einen ähnlichen Vorwurf durch kirchliche und gesellschaftliche Bestrafung massiv unter Druck geraten. Diese Doppelmoral fand ich beim Lesen unglaublich wütend machend.
Überhaupt zieht sich die Erfahrung männlicher Gewalt wie ein roter Faden durch die Geschichte. Frauen müssen lernen, sich vor Männern zu schützen, statt von ihnen Schutz erwarten zu können. Gerade deshalb fand ich die Warnungen von Tibbs Mutter so eindringlich: Sie vermittelt ihrer Tochter nicht, dass Männer grundsätzlich vertrauenswürdig sind, sondern dass sie vorsichtig sein und sich im Zweifel von ihnen fernhalten muss. Diese Perspektive ist teilweise sehr düster, passt aber zu der Welt, die der Roman zeichnet, und macht die Erfahrungen der weiblichen Figuren besonders beklemmend. Ein weiteres wichtiges Thema ist das Außenseitertum. Menschen, die anders aussehen, anders leben oder nicht in die Vorstellungen der Mehrheit passen, werden schnell zu Fremden gemacht. Sie werden nicht nur gemieden, sondern teilweise regelrecht verteufelt und als „Brut des Teufels“ bezeichnet. Der Roman zeigt dadurch sehr deutlich, wie schnell gesellschaftliche Ausgrenzung in Gewalt umschlagen kann und das begrenzt sich nicht nur aufs Mittelalter, sondern hat noch heute bedauerlicherweise Bestand.
Symbole: Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir das wiederkehrende Motiv des Dachs über dem Kopf. Natürlich kann man es zunächst ganz wörtlich verstehen: Ein Dach bedeutet physischen Schutz vor der Außenwelt und Sicherheit. Gerade in der Welt des Romans, in der Armut, Gewalt und Ausgrenzung allgegenwärtig sind, ist ein sicherer Ort alles andere als selbstverständlich. Im Roman steht es aber auch für Schutz, den man nicht unbedingt an einem Ort, sondern in anderen Menschen findet. Es kann auch eine Gemeinschaft sein, in der man sich sicher und angenommen fühlt. Auch die Kirche lässt sich symbolisch lesen, so steht sie doch für die institutionelle Autorität, die vorgibt, moralische Orientierung und Schutz zu bieten, gleichzeitig aber selbst Ausgrenzung und Gewalt hervorbringen kann. Gerade darin liegt für mich eine zeitlose Dimension des Romans, denn die Frage, was passiert, wenn Menschen Institutionen oder Autoritäten blind vertrauen, lässt sich durchaus auch auf heutige religiöse und politische Strukturen übertragen.
Fazit: Ich muss sagen, dass mich „Eine kleine Schwindelei“ am Ende deutlich mehr überzeugt hat, als ich nach den ersten Kapiteln erwartet hätte. Der Einstieg war für mich zunächst sehr ungewöhnlich. Ich konnte die Geschichte kaum einordnen, fand die Sprache teilweise anstrengend und die Selbstansprache von Tibb verwirrend. Auch den Humor, von dem ich in anderen Rezensionen gelesen habe, habe ich überhaupt nicht empfunden. Ich fand das Buch an keiner Stelle wirklich lustig oder musste schmunzeln. Bei mir waren stattdessen vor allem Beklemmung, Entsetzen über die dargestellte Grausamkeit und Spannung vorherrschend. Gleichzeitig hat mich genau diese Spannung irgendwann komplett gepackt. Spätestens ab der Hälfte bin ich nur noch durch die Seiten geflogen. Die kurzen Kapitel, die verschiedenen Zeitebenen und die nach und nach zusammenlaufenden Handlungsstränge haben einen unglaublichen Sog entwickelt. Besonders wertvoll fand ich die vielen Themen, die der Roman miteinander verbindet: Macht und Religion, die Stellung der Frau, Ausgrenzung, Armut, Gewalt, Trauma, Freundschaft und die Frage, was einem Menschen tatsächlich Schutz und Halt geben kann. Auch wenn ich nicht beurteilen kann, wie historisch akkurat die Darstellung des mittelalterlichen England tatsächlich ist, hat sie sich für mich sehr authentisch angefühlt, u.a. da sie teilweise auf wahren Begebenheiten und echten Ortsnamen basiert. König Heinrich VII. und seine Mutter Margaret Beaufort gab es ja auch tatsächlich. Außerdem ließ sich die Autorin Rosanna Pike von der Geschichte der „Heiligen Magd von Leominster“ (Holy Maid of Leominster) inspirieren, um die Handlung der zweiten Hälfte des Romans zu entwerfen. Auch die Ortsnamen sind real, die Autorin nutzt die Geografie des damaligen Englands als eine Art historische Landkarte für Tibbs Reise. Die Orte, durch die Tibb zieht, existieren heute noch und waren schon um 1500 bedeutende Schauplätze. Die gesellschaftlichen Strukturen, die religiöse Macht, die Lebensbedingungen und auch die Sprache haben für mich auf jeden Fall ein überzeugendes Bild dieser Zeit erzeugt. Ich habe bisher noch nichts gelesen, das sich wirklich ähnlich angefühlt hat. Besonders die Konstruktion der Geschichte, die Themen und die historische Einbindung haben mich beeindruckt und gefesselt. Und auch wenn ich den großen Kniff am Ende ein wenig konstruiert empfunden habe, hat er für mich funktioniert. Ich möchte dazu aber gar nicht mehr sagen, um niemandem etwas vorwegzunehmen. Insgesamt ein historischer Roman, der mich vor allem durch seine düstere Atmosphäre, seine gesellschaftskritischen Themen und seine außergewöhnliche Erzählstruktur überrascht und am Ende sehr überzeugt hat.