Freie Geister im England der frühen Tudorzeit

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melb2508 Avatar

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Tibb Ingleby lebt in England zur Zeit der Regentschaft des Königs Heinrich VII. (der Vater und Vorgänger des berüchtigten Henry VIII.), wir befinden uns also grob gesagt im 15. Jahrhundert. Sie ist eine Landstreicherin und nach heutigen Maßstäben noch ein Kind, als sie mit etwa 12 Jahren ihre Mutter verliert, die bei der Geburt ihrer Schwester stirbt. Sie lebt schon immer als Landstreicherin, auch, wenn das verboten ist und so schlägt sie sich nun mutterlos weiter durch.
Der Tod ihrer Mutter bleibt nicht der einzige Schicksalsschlag und ist auch nicht der erste in ihrem jungen Leben. Doch bei alldem bleibt Tibb ein Mensch, der besonders ist.
Wir dürfen als Lesende von Beginn an in ihren Kopf schlüpfen und ihre besondere Stimme hören, die die Autorin auf einmalige Art und Weise geschaffen hat. Manchmal naiv und mit Wortschöpfungen, die beschreiben, was sie sieht oder fühlt, weil ihr Wortschatz nicht groß genug ist und sie keinerlei Bildung besitzt, hat mich beim Lesen oft ihre Stimme mitten ins Herz getroffen. Tibb ist ein wahrer freier Geist mit einem starken inneren Kompass. Sie sieht durch Betrug und erkennt Bosheit, sie reflektiert ihr eigenes Verhalten und fühlt keine Scham, wenn sie Menschen betrügt, die unmoralisch leben. Sie trifft auf Menschen, die genau wie sie am Rand der Gesellschaft leben aus verschiedensten Gründen und sie begegnet ihnen mit Offenheit und Toleranz, die so natürlich sind, dass es unheimlich liebenswert ist. Im Tudor England werden Verhaltensweisen brutal bestraft, die noch sehr lange bestraft wurden - doch Tibb kann nicht einsehen, warum Liebe und Nähe verboten werden sollen, nur, weil es nicht zwischen Mann und Frau ist - und sie sieht auch, wie oft Ehe nicht Liebe bedeutet und Macht missbraucht wird.
Die titelgebende Schwindelei schließlich ist ein Schelmenstück, das seinesgleichen sucht. Die Autorin nimmt den staunenden Lesenden mit zu einer Reise, die mich atemlos gemacht hat, mehr als einmal zum Lachen und Lächeln gebracht, und in der ich um die Figuren, die mir ans Herz gewachsen sind, gebangt habe. Liebe, Respekt, Toleranz und der alles überlagernde Wunsch nach einer Freiheit ohne einengende Regeln sind die Werte, die Tibb und ihre Freunde haben und nach denen sie sich sehnen - und ich für meinen Teil wünsche mir, dass es mehr Menschen wie sie auf der Welt gäbe. Nicht nur, aber besonders in dieser Hinsicht ist der Roman viel moderner als man bei der Zeit, in der er spielt, vermuten würde.
Ich empfehle ihn uneingeschränkt weiter - jede und jeder sollte Tibb und ihre Lieblingsmenschen kennenlernen und das Buch, so wie ich, mit einem warmen und glücklichen Gefühl der Hoffnung beenden dürfen.