Herzerwärmende Geschichte mit markantem Ton
Selten bin ich einer so besonderen, markanten Sprache in einem Roman begegnet. Und entgegen leiser Zweifel konnte ich unglaublich gut in die Geschichte einfinden. Abgesehen von ein paar Längen im weiteren Verlauf hat mir der Roman damit eine wirklich einzigartige Lektüre beschert.
Tibb ist eine Landstreicherin zu Tudor-Zeiten. Gleich zu Beginn verliert sie ihre Mutter und ist von da an als Teenagerin auf sich allein gestellt. Immer wieder macht Rosanna Pike deutlich, wie hart die Zeiten im spätmittelalterlichen England waren - insbesondere für Frauen und alle Menschen, die irgendwie anders sind. Dabei schafft sie es, die Zustände authentisch abzubilden, ohne dass ich mich beim Lesen zu sehr im Elend der Zeit verloren hätte.
Dafür setzt sie auf eine Sprache, wie ich sie noch nie gesehen habe. Obwohl wir Tibb über längere Zeit hinweg begleiten und sie auf jeden Fall irgendwann erwachsen ist, verbleibt die Ich-Erzählerin in einem kindlich-naiven Ton. Das ist gewagt und trifft sicherlich auch nicht jeden Geschmack, aber die Wirkung ist unvergleichlich. Tibb kann damit unabhängig von ihrem Alter schrecklichste Dinge nicht nur benennen, sondern auch mit der Klarheit eines neugierigen Kindes infrage stellen. Ob die Glorifizierung der Kirche, misogyne Gewalt und Denkmuster oder die absolute Abwertung homosexueller Menschen - diese Geschichte ist politisch!
Die Protagonistin ist mit ihrer Kindlichkeit nicht immer ganz greifbar und manchmal war sie mir auch zu naiv, aber überwiegend habe ich Tibb sehr gemocht. Denn die Frage ist ja wirklich, warum Menschen einem Prediger bzw. einer Instanz wie der Kirche einfach Glauben schenken, ohne selbst nachzudenken, ob die Liebe zwischen zwei Männern denn wirklich so ein Problem darstellt. Obwohl die Geschichte so weit in der Vergangenheit spielt, könnte sie meiner Meinung nach aktueller nicht sein.
Die titelgebende Schwindelei baut sich erst im letzten Drittel so richtig auf und ist dabei so temporeich wie intensiv. Während mich das durchaus gepackt hat, hatte die Geschichte insgesamt auch immer mal langatmigere Passagen. Die konnten aber mit viel Herzenswärme von Tibb ihren Mitmenschen gegenüber, aber auch zwischen den Nebenfiguren gut aufgewogen werden.
Es gibt nicht oft sprachliche Innovationen und die sind auch nicht immer etwas Gutes. Hier sehe ich aber einen literarischen Mehrwert, der die Aufmerksamkeit verdient hat. Mit ein paar Abstrichen für gewisse Längen empfehle ich diesen so besonderen historischen Roman gern und denke, dass wir alle von Tibbs Menschlichkeit lernen können.
4,5 ⭐️
Tibb ist eine Landstreicherin zu Tudor-Zeiten. Gleich zu Beginn verliert sie ihre Mutter und ist von da an als Teenagerin auf sich allein gestellt. Immer wieder macht Rosanna Pike deutlich, wie hart die Zeiten im spätmittelalterlichen England waren - insbesondere für Frauen und alle Menschen, die irgendwie anders sind. Dabei schafft sie es, die Zustände authentisch abzubilden, ohne dass ich mich beim Lesen zu sehr im Elend der Zeit verloren hätte.
Dafür setzt sie auf eine Sprache, wie ich sie noch nie gesehen habe. Obwohl wir Tibb über längere Zeit hinweg begleiten und sie auf jeden Fall irgendwann erwachsen ist, verbleibt die Ich-Erzählerin in einem kindlich-naiven Ton. Das ist gewagt und trifft sicherlich auch nicht jeden Geschmack, aber die Wirkung ist unvergleichlich. Tibb kann damit unabhängig von ihrem Alter schrecklichste Dinge nicht nur benennen, sondern auch mit der Klarheit eines neugierigen Kindes infrage stellen. Ob die Glorifizierung der Kirche, misogyne Gewalt und Denkmuster oder die absolute Abwertung homosexueller Menschen - diese Geschichte ist politisch!
Die Protagonistin ist mit ihrer Kindlichkeit nicht immer ganz greifbar und manchmal war sie mir auch zu naiv, aber überwiegend habe ich Tibb sehr gemocht. Denn die Frage ist ja wirklich, warum Menschen einem Prediger bzw. einer Instanz wie der Kirche einfach Glauben schenken, ohne selbst nachzudenken, ob die Liebe zwischen zwei Männern denn wirklich so ein Problem darstellt. Obwohl die Geschichte so weit in der Vergangenheit spielt, könnte sie meiner Meinung nach aktueller nicht sein.
Die titelgebende Schwindelei baut sich erst im letzten Drittel so richtig auf und ist dabei so temporeich wie intensiv. Während mich das durchaus gepackt hat, hatte die Geschichte insgesamt auch immer mal langatmigere Passagen. Die konnten aber mit viel Herzenswärme von Tibb ihren Mitmenschen gegenüber, aber auch zwischen den Nebenfiguren gut aufgewogen werden.
Es gibt nicht oft sprachliche Innovationen und die sind auch nicht immer etwas Gutes. Hier sehe ich aber einen literarischen Mehrwert, der die Aufmerksamkeit verdient hat. Mit ein paar Abstrichen für gewisse Längen empfehle ich diesen so besonderen historischen Roman gern und denke, dass wir alle von Tibbs Menschlichkeit lernen können.
4,5 ⭐️