Ein Debütroman mit Licht und Schatten

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Mit der jugendlichen Tibb Ingleby begegnet uns eine ungewöhnliche Romanheldin im England der Tudorzeit. Als Landstreicherin lebt sie außerhalb der Gesellschaft. Immer ist sie auf der Hut vor der Obrigkeit, stets auf der Suche nach etwas Essbarem. Sie schlängelt sich durch mit kleinen Diebstählen und Tricksereien. Sie steht gänzlich allein da, nach dem Tod von Mutter und neugeborener Schwester.

Tibb begegnet anderen Außenseitern wie dem jungen Ivo, der mit einem Geheimnis von daheim geflohen ist, schließt sich einer bunten Truppe von umherziehenden Akrobaten an. Dort findet sie Freunde, Nähe und Unterstützung.

Zentrales Thema ist die Frage nach einem Zuhause. Was ist das überhaupt? Ein Dach über dem Kopf im materiellen Sinn? Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe? Ein Mensch, der Halt, Schutz und Liebe gewährt? Wie und wo können Menschen, die außerhalb der Gesellschaft stehen, ihren Platz finden? Mit einer "kleinen Schwindelei", die sich zu einer (fast) nicht mehr beherrschbaren auswächst. Möglich ist diese unglaublich erfinderische Trickserei nur in einer bigotten, wunder- und abergläubischen Gesellschaft und Kirche, die sich nur allzu gern für ihr Seelenheil hinters Licht führen lassen.

Rosanna Pike bezieht sich hier auf die historische Gestalt der Elizabeth, die als "Heilige Magd von Leominster" bekannt und berühmt wurde. Um dieses geschichtliche Phänomen herum entspinnt sie in ihrem Erstlingswerk Tibbs (große) Schwindelei.

Sprachlich mutet die Autorin uns Einiges zu: Die Ich-Erzählerin Tibb drückt sich oft derb aus und flucht so heftig, dass es mir irgendwann zu viel wurde. Die anfangs einprägsamen und phantasievollen Wortschöpfungen, die viel über Tibbs Weltsicht verraten - wie "der große-Mann-Gott" - werden irgendwann beliebig, treten sehr häufig auf und sind nervig - wie "Mutter-eines-Königs" oder "Kunst-des-Betrugs". Zudem habe ich die oft moderne Ausdrucksweise zunehmend als Bruch zur Handlungszeit im Tudor-England empfunden.

Ein weiteres großes Thema ist die Schuld, die Tibb empfindet: an einem schlimmen Ereignis in ihrer Kindheit, am Tod der Mutter und der kleinen Schwester, am Schicksal anderer Personen, die ihr nahestehen. Hier ist über eine lange Strecke im Roman keine Entwicklung zu sehen und vor allem dieser Stillstand machte es für mich mühsam, meine Lesefreude aufrechtzuhalten. Im Gegenteil, sie wurde vielmehr nachhaltig getrübt.