Klug, witzig und warmherzig

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leasophiee Avatar

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Eine kleine Schwindelei hat mich direkt von von der ersten Seite an gepackt. Rosanna Pike erzählt aus der Perspektive von Tibb Ingleby, einer Waise im England der frühen Tudorzeit. Der Einstieg ist mir (aus sprachlicher Perspektive) nicht leichtgefallen: die kindliche, gleichzeitig rohe Erzählweise von Tibb braucht Eingewöhnung. Es lohnt sich allerdings sich darauf einzulassen. Tibb ist die ultimative Underdog-Figur, stur, verletzlich, es ist unmöglich sie nicht zu mögen.
Besonders beeindruckend fand ich den immer den Kontrast: harte, teils grausame Szenen, erzählt in einfacher, kindlicher Sprache. Aus meiner Perspektive macht dieser Bruch die Gewalt schwerer erträglich, nicht leichter. Das Buch behandelt Diskriminierung, Klasse, Religion und Ausgrenzung, bleibt dabei aber nie humorlos. Viele Szenen sind wirklich witzig, ich könnte mir eine Verfilmung der Geschichte gut vorstellen.
Den ruhigsten Teil der Geschichte, Tibbs Zeit mit Ivo, mochte ich am meisten. Dieser Abschnitt gibt dem Trauma des Anfangs ein Gegengewicht, ohne das wäre die Härte der ersten Hälfte kaum auszuhalten gewesen.
Zwei Kritikpunkte hätte ich dann aber doch. Die Weltordnung kippt zeitweise ins Schwarzweiße, hier die Unschuldigen, dort die Bösen, ohne Grautöne. Das hätte ich mir manchmal ein wenig differenzierter gewünscht. Und die zweite Hälfte, mit relativ vielen Zeitsprüngen, hat bei mir zwar für Spannung gesorgt, verwirrt streckenweise aber auch. Die Auflösung am Ende wirkt dazu fast zu glatt.
Ein sehr kraftvolles Debüt, das mehr von emotionaler Wahrhaftigkeit lebt als von historischer Genauigkeit, mit einer Heldin, die ich sicher lange nicht vergessen werde..