Lügen haben kurze Beine…

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern Leerer Stern
kkruse Avatar

Von

…bescheren hier aber eher eine kurze, unterhaltsame Weile! In ihrem beachtlichen Debütroman versetzt die Autorin Rosanna Pike die Leser ins mittelalterliche England der Tudorzeit und lässt dort die Vagabundin Tibb Ingleby ihre wechselvolle Geschichte erzählen. Gerade diese außergewöhnliche, freche Erzählstimme ist unterhaltsam und überraschend modern: ein Grund für mich, dass beim Lesen keine Langeweile aufkommt. In der Regel greife ich nämlich selten zu Historienromanen, aber „Eine kleine Schwindelei“ hat mich neugierig auf dieses Genre gemacht, auch wenn es wahrscheinlich kein allzu typischer Roman dieser Gattung ist. Insofern ein guter, leichter Einstieg, wenn man literarisch mal ins Mittelalter reisen will.
Zugegebenermaßen hatte ich anfangs ein paar Schwierigkeiten, in den Roman reinzukommen, da Tibbs personelle Erzählweise so speziell und teilweise sprunghaft ist. Manchmal spricht sie sich selbst in der dritten Person an, redet im Kopf mit ihrer verstorbenen Mutter oder lässt diese sogar selbst mit burschikosen Überlebenstipps zu Wort kommen. Das kann verwirrend sein, aber nach einer Weile gewöhnt man sich an den Stil, wodurch der Roman zu etwas besonderem wird und keinem klassischen Erzählmuster entspricht. Auch bezüglich der Charaktere verzichtet die Autorin meiner Meinung nach auf typische Klischees und Stereotypen, sodass „Eine kleine Schwindelei“ davor bewahrt wird, ein weiterer langweiliger Abklatsch von Historienroman zu sein. Rosanna Pikes Debüt ist wirklich etwas Neues und ein Zugewinn für den Buchmarkt.
Obwohl Tibbs Erzählstimme so authentisch und nahbar ist, gab es allerdings doch ein paar Eigenheiten am Stil, die mich durchgängig gestört haben. In erster Linie denke ich dabei an unnötig häufig verwendete „Bindestrichwörter“, die ich nachvollziehbar gefunden hätte, wenn sie nur für Dinge verwendet worden wären, die Tibb aus ihrer kindlichen/jugendlichen Perspektive fremd oder neu sind, sodass sie diese umschreiben muss (z.B. der „Tanz-unter-der-Decke“). Allzu häufig fand ich diese Bindestrichkonstellationen aber schlicht überflüssig (z.B. „Bett-auf-dem-Fußboden“; warum gibt es hier Bindestriche?) oder unnötig, weil es treffendere Wörter gibt, die auch Tibb bekannt sein dürften (z.B. jungenhaft statt „fast-männlich“ oder unbewölkt statt „nicht-bewölkt“). Manchmal wäre ein normaler Relativsatz verständlicher gewesen als so eine sperrige Wortkonstruktion. Durch den übertriebenen, teils unpassenden Gebrauch des Stilmittels nervt es auf die Dauer und die Wirkung verpufft, zumal es bei der frechen, selbstbewussten Tibb wenig Grund gibt, sie naiv oder unbedarft darzustellen.
Trotzdem hat mich die aufregende, temporeiche Geschichte gefesselt und ich wollte unbedingt wissen, ob Tibb mit ihrer Schwindelei durchkommt. Lügen haben ja bekanntlich kurze Beine… Zwischen den Buchdeckeln entsteht eine ganze Welt mit originellen Charakteren und wirklich ehrlich ist hier keiner! Gerade das Ende ist sehr spannend und hat mich mitfiebern lassen. Zum Glück wurden alle Handlungsstränge aufgelöst, sodass man bezüglich Tibbs Schicksal nirgendwo im Ungewissen gelassen wird.
Großen Historienfans dürften bei diesem Buch sicher einige genretypische Elemente fehlen. Das Mittelalterflair ist vor allem im ersten Drittel des Buches wenig spürbar und Tibb könnte auch eine emanzipierte, freche junge Frau in einer anderen Zeit sein. Dadurch gewinnen Protagonistin und Buch aber an Allgemeingültigkeit und schaffen ein höheres Identifikationspotenzial. Für mich war das einer der Gründe, warum auch ich als „Genrefremdling“ Gefallen an der zugänglichen Lektüre gefunden habe, sodass ich mich ungelogen an weitere Mittelalterromane herantrauen werde.