Schwindelei mit großen Folgen

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
anjulia Avatar

Von

Ich lese sehr gerne historische Romane und habe auch bereits einiges über das englische Spätmittelalter und die Tudorzeit gelesen. 'Eine kleine Schwindelei" von Rosanna Pike ist definitiv anders als alle anderen Bücher, die ich dazu kenne. Mit Tibb Ingleby erlebt man diese Zeit aus der Sicht einer jungen Landstreicherin. Tibb ist zu Beginn des Buches noch sehr jung und verliert ihre Mutter bei der Geburt ihrer kleinen Schwester. Auch deren Leben kann sie nicht retten, wie auch, ohne Geld und Nahrung? Die Schutzlosigkeit und Brutalität, die sie in jungen Jahren kennenlernt, sind erschreckend. Wie schon ihre Mutter, wünscht sie sich ein Dach über dem Kopf stellt, aber fest das Zuhause nicht unbedingt ein fester Wohnsitz, sondern auch die richtigen Personen sein können. Tibb ist nicht unbedingt naiv, an ihrer Sprache merkt man jedoch einen gewissen Mangel an Bildung. Dies schwankt mitunter zwischen kindlicher und sehr derber Ausdrucksweise. Es kommt regelmäßig zu ungewöhnlichen Wortkonstruktionen "hoch-oben-Heim", "unter-der-Decke-Tanz", "Kirche-genannten-Ort". Tibb durchschaut, wahrscheinlich weil ihr die Gläubigkeit fehlt, die Heuchelei der mächtigen Kirche. Besonders beeindruckend ist ihre Toleranz und ihr Wunsch, ihrem besten Freund ein erfülltes Leben ermöglichen zu können. Zu der titelgebenden "kleinen Schwindelei" kommt es erst im letzten Drittel des Buches, und diese nimmt solche Ausmaße an, dass sie sogar die Mutter des Königs auf den Plan ruft. Gerade ab der Mitte und zum Ende werden Nebenfiguren wichtiger, was zu einem schönen Found Family Charakter führt.

Fazit: Ein ungewöhnlicher historischer Roman, mal rau und derb, mal tolerant und intelligent.