Tibb Ingleby und ihre Gang der ausgestoßenen Außergewöhnlichen gegen den Rest der Welt (und die Church of England)

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Ein Leben ohne Dach über dem Kopf. Das ist im Jahr 1500 für die 14 jährige Tibb Ingleby Alltag im britischen Königreich, seit sie denken kann. In einer Welt, in der ein Frauenleben nicht viel Wert ist, wird die Begegnung mit dem treuen Ivo, der nur wenig älter als Tibb ist, zu ihrer Rettung nach dem schmerzvollen Verlust ihrer Mutter. Was Tibb und Ivo eint ist, dass die Gesellschaft in die sie hineingeboren wurden keinen Platz für sie hat. Tibb als Frau und Landstreicherin ist gesellschaftlich verstoßen. Ivo trägt ein Geheimnis in sich, das ihn ebenso zum Aussätzigen in den Augen anderer macht. Ein Ausgestoßensein, das sich nicht in Meidung erschöpft, sondern beide oft und stets um ihr Leben fürchten lässt.

Die Erzählung wird immer wieder kurz unterbrochen von einem zweiten Erzählstrang im Jahr 1505. Dieser thematisiert die Inhaftierung eines jungen Mannes, dessen Identität zunächst unklar bleibt. Seite für Seite bewegen sich die Zeitebenen aufeinander zu und es entsteht ein immer konkreter werdendes Bild der dazwischen liegenden Jahre und damit von Tibbs und Ivos Leben und dem ihrer wundervollen Gefährten, die aus verschiedenen Gründen ihr Schicksal teilen.

Die unmittelbare Sprache und Erzählweise in der ersten Person Tibbs ist unglaublich gelungen. Von der ersten Zeile an wird die Leserin in die Geschichte gezogen und Tibbs Gedanken und Lebensrealität entstehen vor dem inneren Auge. Für mich ist der Roman ein echter Pageturner und eine klug erzählte Geschichte, der man sich nach den ersten Seiten kaum entziehen kann, ebenso wie man Tibb Ingleby einfach nur bewundern kann und mit dem Lebensweg dieses außergewöhnlichen Menschen mit jeder Seite mitleidet, mitfiebert, aber auch sich mit ihr in ihrer Herzlichkeit und Begeisterungsfähigkeit freut.

Der Roman erinnert mich an James von Percival Everett auf der Ebene, dass er authentisch aus Tibbs Perspektive und ihrer Sprache erzählt wird und eine lange, unstete Reise geprägt von der Hoffnung auf ein besseres Leben thematisiert. Tibb ist in jeder Hinsicht einzigartig, äußerlich und innerlich. Eine Erscheinung, hell wie ein Engel, klug und treu ihren Lieben gegenüber. Und viel zu oft fragt man sich wie ein solches Wesen in einer derart rohen Welt überleben kann. Diese Rohheit der Welt und hier speziell der britischen Gesellschaft dieser Zeit in allen Facetten thematisiert der Roman durchgängig gesellschaftskritisch und spart dabei die unrühmliche und nicht zuletzt dominierende Rolle der Kirche nicht aus. Tibb mausert sich in diesem Umfeld zu einer starken, schlagfertigen Frau, die sicher bewusst zu ihrem elfenhaften Äußeren konstruiert ist.

Für mich war der Roman ein echtes Highlight in diesem Jahr! Unbedingt lesen!