Vom Wiederaufgreifen des Lebensfadens

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Wie gemütlich sich die niedliche Maus auf dem Cover in den karierten Seniorenpantoffel kuschelt… Auch wenn sich in diesem Roman viel um diesen kleinen Mäuserich dreht, werden doch auch weniger heitere Dinge thematisiert: Alter, Einsamkeit, Kummer und Verlust. Wie gut, dass Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft diese aufwiegen.

Sechzig Jahre nachdem Helen Cartwright von England nach Australien ausgewandert ist, kehrt sie über 80jährig zurück in den englischen Ort, in dem sie aufgewachsen ist. Mehr als einen Koffer hat sie nicht mitgebracht. Sie kommt allein, denn Mann und Sohn sind in Australien gestorben.
Sie zieht sich zurück in ein bescheidenes Zuhause in der Wohngegend ihrer Kindheit, verharrt isoliert drei Jahre ohne jegliche sozialen Kontakte in einem kargen Leben um Routine und Gewohnheit herum. Letztendlich bereitet sie sich ohne großes Aufhebens auf ihren Tod vor.

Doch das Leben hat seinen eigenen Plan. Über einen Zeitraum von knapp zwei Wochen begleiten wir Helen, beginnend an einem Freitag, als sie unfreiwillig mit dem aufgesammelten Gerümpel des Nachbarn eine kleine Hausmaus in die Küche trägt.

Man kann sich sehr gut in die recht authentisch dargestellte Helen hineinfühlen. Es berührt, die Entwicklung der Witwe zu beobachten, ausgehend vom alten Menschen, der sich eigentlich schon selber aufgegeben hat und nur noch von und in Erinnerungen lebt. Es ist wie eine Rückkehr zu den Wurzeln, obwohl dort einen niemand mehr zu kennen scheint.
Die Einsamkeit durch die Verarmung an Kontakten, die körperlichen Einschränkungen durch das fortgeschrittene Alter, die Traurigkeit durch die Verluste: Helen erwartet nichts mehr vom Leben.

Dass in Helen vom ersten Moment an Empathie für das kleine tierische Leben erwacht, macht sie besonders liebenswert. Dieses Mitgefühl setzt in Helen Kräfte und am Ende Lebenswillen in Gang. Um ihre Maus zu retten, traut sie sich auf eine Reise mit vielen notwendigen sozialen Begegnungen.
Gerade, wenn man sich sicher in seinem Bild von der Figur der alten Witwe Helen zu sein scheint, dann schafft sie es, mit der Enthüllung ihres Lebensweges einen absolut zu überraschen. Eine Wendung, die einen zum Nachdenken bringt…
„Das ist richtig. Da sehen Sie, ich bin nicht nur irgendeine alte Frau.“ S. 173

Die anfängliche depressive Stimmung des Buches löst sich mit Helens Engagement immer mehr auf. Als Leser*in ist man selbst immer wieder überrascht, wie sich plötzlich um die Maus eine Art Gemeinschaft bildet.

Merlin, die heimatlose Hausmaus, die im Original „Sipsworth“ heißt, bleibt als Charakter selber (leider) blass und schwächlich. Mich hat beim Lesen etwas verwundert, dass zweimal im Text der englische Originalname „Sipsworth“ (bzw. Sips) anstatt des (unkreativen) Ersatznamens Merlin verwendet wird. Wohl kaum Absicht, sondern eher Fehler oder Nachlässigkeit beim Übersetzen/ Lektorieren?

Diese berührende, herzerwärmende Geschichte geht Themen an, die uns alle irgendwann betreffen werden. Dass gerade ein so kleines Tier es schafft, einen Menschen zu bewegen, seinen Lebensfaden wieder aufzugreifen, bewegt mich besonders.