Hochemotional

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aoibheann Avatar

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Manche Geschichten sind besonders. Nicht, weil sie so ausufernd sind oder man die Geschichte der eigenen Familie bis ins letzte Detail mehrere Generationen zurückverfolgen kann. Sondern weil sie Lücken haben, zerbrechlich sind. So wie die Familiengeschichte von Nina und Katja.
Wir haben drei unterschiedliche Zeitebenen. Jede erklärt ein wenig mehr, wie die Familie, die ich zu Beginn als untereinander als distanziert und auch zerstritten wahrgenommen habe, zu diesem Punkt kommen konnte. Es wird ziemlich schnell klar, dass alles mit der Kindheit der Mutter zusammenhängen muss.
Ninas Mutter musste mit ihrer Familie 1945 nach dem Ende des Krieges aus Böhmen mit ihrer Familie fliehen. Zuerst fand ich es etwas merkwürdig, dass der Fokus so wenig auf der Vergangenheit liegt. Das man sich als Leser so einiges zusammenreimen kann und auch muss. Aber so geht es Nina auf ihrer Suche ja letztlich auch. Ihre Mutter hat nie etwas über diese Zeit erzählt. Weder über die Schönen Dinge ihrer Kindheit, noch über die Schlechten. Die Narben, die Traumata, die sie davongetragen hat, schwelten ihr Leben lang in ihr weiter. Nina hat also nur wenige Anhaltspunkte, muss sich auch selbst sehr viel zusammenreimen.
Und plötzlich versteht sie mehr und mehr, warum ihre Mutter gehandelt hat, wie sie es tat. Und auch als Leser versteht man mit jedem Kapitel mehr, wo die Wut in Nina herkommt, die da immer unter der Oberfläche brodelt.

Es ist kein lautes Buch. Auch keines, das mit einer unheimlich ausgefeilten Familiengeschichte aus der Vergangenheit daher kommt. Emotional hat es mich ganz schön durchgeschleudert, denn es ist die ganze Palette an Gefühlen dabei. Trauer, Ohnmacht, Angst, aber auch Wut und Zorn, sich nicht gesehen und ungerecht behandelt fühlen. Und obwohl sich gerade Nina und Katja zuweilen ihren Frust gegenseitig um die Ohren schleudern, merkt man die Zerbrechlichkeit unter diesen Worten. Claudia Rikl hat das alles so wunderbar behutsam beschrieben. Es ist aber ein Buch das nachdenklich macht, inne halten lässt und so manche Handlung der eigenen Familie vielleicht auch noch mal in einem anderen Licht erscheinen lässt. Wie viele Familien mag es noch immer geben, in denen die Traumata der Kriegskinder noch bis in die jetzigen Generationen reichen. Für mich ein absolutes Jahreshighlight und wenn es möglich wäre, würde ich noch viel mehr als nur fünf Sterne vergeben.