Muttis Wurzeln

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Anfangs empfand ich den Schreibstil des Buches etwas gewöhnungsbedürftig. Zwar war die Sprache einfach, klar und schnörkellos, doch die kurzen Sätze ließen den Text stellenweise etwas abgehackt wirken. Mit der Zeit empfand ich das aber nicht mehr als störend, eher im Gegenteil. Es wirkte, als würde sich die Autorin ganz bewusst auf das Wesentliche konzentrieren. Und trotz dieser Knappheit entstand eine bildhafte, warme Atmosphäre, die mich sogleich in die Familiengeschichte hineingezogen hat.

Schnell wird klar, dass die einst glückliche Familie auseinandergebrochen ist. Die Eltern sind schon viele Jahre getrennt. Auch die Beziehung der Schwestern Nina und Katja untereinander scheint schwierig zu sein und das Verhältnis zum jeweiligen Elternteil ist angespannt. Der Satz, dass Nina 32 Jahre allein mit der Aufgabe war, „dafür zu sorgen, dass die Mutti ihr Leben erträgt“, ist prägend für das Buch.

Nach und nach legt die Autorin offen, was genau hinter dieser Aufgabe steckt und weshalb sich Nina damit allein gelassen fühlt. Unter der Oberfläche brodelt vieles, vor allem bei Nina selbst. Der Tod der Mutter wird schließlich zum Auslöser, sich mit all dem auseinanderzusetzen, nicht zuletzt, weil Nina einen Zusammenbruch erleidet.

Doch obwohl Nina im Vordergrund steht, blieb sie mir fremd und es fiel mir wirklich schwer, sie zu verstehen. In einem Moment war sie himmelhochjauchzend und im nächsten zu Tode betrübt. Diese emotionale Achterbahnfahrt fand ich mit der Zeit schwierig zu ertragen.
Gerne hätte ich verstanden, was genau zu ihrem Zusammenbruch geführt hat. War das der unerwartete Tod der Mutter? Die Wut auf den Vati und die Schwester oder gar etwas komplett anderes? Warum kann sie die alten Konflikte nicht loslassen, obwohl sie eigentlich ein gutes Leben führt? Und wenn sie auch auf die Mutti wütend ist, warum sucht sie dann nach ihren Wurzeln? Mir hat ihr ambivalente Verhalten sehr zu schaffen gemacht.

Sehr gelungen fand ich hingegen die Verknüpfung von Gegenwart und Vergangenheit, also Ninas eigener Geschichte mit der Lebensgeschichte ihrer Mutter. Besonders die späte Versöhnung mit ihr und das neu gewonnene Verständnis für ihren Charakter, das erst durch Ninas Einblick in die Kindheit und prägenden Erfahrungen der Mutter möglich wird, verleihen dem Buch eine besondere Tiefe.

Fazit: die Geschichte wirkt überzeugend und rund. Die Spuren der Kindheit, die sich im späteren Verhalten widerspiegeln, sind eindrucksvoll dargestellt. Aber mit Nina bin ich leider nicht klargekommen, was mir die Freude an dem Buch genommen hat.