Schlick, Schatten und ein folgenschwerer Wahn: Starker Auftakt an der Süderelbe

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Schon der Prolog zieht mit beklemmender Wucht in die Geschichte hinein: Ein Mann versucht in panischer Hast, eine blutüberströmte Leiche im schlammigen Untergrund der Elbe verschwinden zu lassen, als ihn ein verdächtiges Scharren am Wasser erstarren lässt. Dieser düstere Auftakt setzt einen packenden Kontrapunkt zu den folgenden beiden Erzählsträngen, die das Hamburger Lokalkolorit abseits touristischer Postkartenmotive lebendig einfangen.

Besonders stark und berührend gezeichnet ist die Perspektive von Ela Tamm: Nach ihrer Nachtschicht als Türsteherin auf dem Kiez kehrt sie frühmorgens in eine Nachkriegs-Rotklinkersiedlung nach Harburg zurück, wo sie sich um ihren früh an Demenz erkrankten Bruder Hendrix kümmert. Als dieser verstört am Fenster steht und von einem Toten murmelt, der „woanders“ im Blut liegt, verknüpft sich das Familiendrama auf beklemmend subtile Weise mit dem Verbrechen des Prologs. War es wirklich nur eine Halluzination oder hat der hilflose Riese tatsächlich etwas Grauenvolles gesehen oder getan? Gleichzeitig sorgt die zweite Hauptfigur Nicole auf Streife für handfeste Spannung: Die dramatische Rettung zweier Kinder aus dem tückischen Schlick und der auflaufenden Flut an einem alten Schiffswrack treibt den Puls spürbar nach oben und endet mit einem echten Cliffhanger.

Der Text besticht durch eine herrlich unaufgeregte, griffige Sprache, ein feines Gespür für soziale Milieus und Figuren mit spürbaren Ecken und Kanten. Man riecht förmlich den nasskalten Wind, das Brackwasser und den Geruch aus dem Treppenhaus. Einzig das Einbinden von zwei derart großen Baustellen – schwere Erkrankung in der Familie und das klassische Motiv entlaufener Schwestern/Polizei-Ermittlung – birgt das Risiko, sich im weiteren Verlauf etwas zu überladen. In dieser Leseprobe funktioniert die Verzahnung jedoch hervorragend und hält das Tempo hoch.

Ich möchte das Buch unbedingt ganz lesen, weil die Mischung aus rauem Hamburger Hafenflair, echter emotionaler Tiefe und der nagenden Frage nach Hendrix' Verwicklung sofort süchtig nach der Auflösung macht.