Intensiv und klug
Schon auf den ersten Seiten entfaltet Martin Beyer eine beklemmende, zugleich feinfühlige Atmosphäre. Die Geschichte beginnt unscheinbar – eine Frau, Katja, läuft durch den Park, denkt über Selbstfürsorge nach und merkt, dass ihr die Kraft fehlt. Doch hinter dieser Alltäglichkeit lauert ein Abgrund: die Rückkehr der Krebserkrankung ihrer Tochter Paula. Beyer beschreibt diesen Ausnahmezustand nicht laut oder sentimental, sondern mit bedrückender Präzision, mit einem fast schmerzhaft genauen Blick für die kleinen Gesten, das Schweigen, die Routinen, die versuchen, Normalität zu simulieren, wo längst keine mehr ist.
Der Text wirkt dabei erstaunlich unmittelbar. Die Dialoge sind knapp, die Gedanken flackern zwischen Müdigkeit, Zorn und Angst. Besonders eindrucksvoll ist, wie das Buch ohne Pathos auskommt und trotzdem tief berührt: Katjas Innenleben wird zur stillen Chronik eines Überlebenskampfes, in dem es keine klaren Helden mehr gibt.
Sprachlich arbeitet Beyer mit einer genauen, fast filmischen Beobachtung – jeder Satz sitzt, jede Pause hat Gewicht. Es entsteht eine dichte, graue Welt, die nur manchmal von zarten Momenten des Lichts durchbrochen wird. „Elf ist eine gerade Zahl“ ist kein lautes Buch, sondern ein leises, das lange nachhallt – eine Geschichte über Liebe, Überforderung und die fragile Hoffnung, dass man vielleicht doch weiteratmen kann, wenn man eigentlich nicht mehr kann.
Ein intensiver, kluger Roman, der Mut macht, gerade weil er nichts beschönigt.