Drama in Positano

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Positano, 1961. Clara und Spencer Carmichael verbringen ihre Flitterwochen an der Amalfiküste. Er kümmert sich rührend um seine junge Frau, die sich nach einer Krankheit schonen muss. Sie ist glücklich, wenn sie in seine strahlend blauen Augen blickt. Die Idylle gerät jedoch ins Wanken, als ein anonymer Zettel unter ihrer Zimmertür hindurchgeschoben wird. Darauf steht nur ein Satz: Er lügt. Clara vertraut sich ihrer Urlaubsbekanntschaft Vivian an, die mit ihrem Ehemann Fred ebenfalls im Hotel wohnt. Auch den beiden scheint Spencer nicht wohlgesonnen zu sein. Sein Verhalten macht deutlich, dass er etwas zu verbergen hat und offenbar nicht zum ersten Mal in diesem Hotel abgestiegen ist.

Rebecca Taylor McKay kommt in ihrem Thrillerdebüt mit einer überschaubaren Zahl an Figuren aus. Im Mittelpunkt stehen die beiden Ehepaare, die den Sommer im pittoresken Positano verbringen. Die Landschaft wird bildhaft beschrieben, sodass man sich sofort an die Steilküste versetzt fühlt. Clara und Spencer sind frisch verheiratet und wirken auf den ersten Blick glücklich. Wer jedoch genauer hinschaut, entdeckt einen ungeduldigen Mann, der seiner Frau Medikamente verabreicht, die sie möglicherweise gar nicht benötigt. Vivian und Fred genießen ebenfalls das Dolce Vita Italiens. Während Clara sich mit Vivian anfreundet, fallen ihr immer mehr Ungereimtheiten in Spencers Erklärungen auf. Die Geschichte wird aus Claras Ich-Perspektive erzählt. Nach dem ersten der drei Teile glaubt man bereits zu wissen, wer zu den Guten und wer zu den Bösen gehört.

Misstrauen zwischen Dolce Vita und dunklen Wahrheiten
Für einen Thriller entwickelt sich die Handlung zunächst eher gemächlich. Ab dem zweiten Teil wird deutlich, dass die Situation ganz anders ist, als sie zunächst erschien, und man möchte unbedingt erfahren, welche Gründe dahinterstecken. Ab diesem Punkt beginnt sich eine Dynamik aufzubauen, die je nach Betrachtungswinkel ein anderes Bild der Ereignisse zeigt. Das Verhalten jeder Figur lässt sich unterschiedlich deuten und erhält dadurch eine besondere Spannung. Erzählt wird die Geschichte abwechselnd auf zwei Zeitebenen, die lediglich ein Jahr auseinander liegen. Dieser Aufbau sorgt immer wieder für überraschende Wendungen. Im dritten Teil folgt schließlich nicht nur die Auflösung, sondern auch der emotionale Ausbruch der Figuren.

Rebecca Taylor McKay setzt in ihrem Thrillerdebüt Er lügt weniger auf rasante Action als auf psychologische Spannung und unterschwellige Bedrohung. Man braucht etwas Geduld bis die Handlung in Fahrt kommt, wird jedoch mit einer raffiniert konstruierten Geschichte belohnt. Besonders gelungen ist das Spiel mit den Perspektiven, das die eigene Einschätzung der Figuren immer wieder infrage stellt. Das atmosphärische Setting an der Amalfiküste bildet einen reizvollen Kontrast zu den dunklen Geheimnissen der Protagonisten. „Er lügt“ ist ein ruhiger, psychologisch geprägter Thriller mit mehreren überraschenden Wendungen und einem stimmigen Finale.