Zwei Sommer, eine Lüge

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
janps Avatar

Von

Ich bin mit ziemlich hohen Erwartungen an „Er lügt" rangegangen. Positano, 1961, ein zitronengelbes Cabrio auf der Küstenstraße, frisch verheiratet, das klingt nach genau der Art von Urlaubslektüre, bei der man sich gedanklich sofort einen Aperol dazu bestellt. Und die ersten Seiten lesen sich wirklich wie ein Werbeprospekt fürs Paradies. Clara ist glücklich, Spencer ist reich und aufmerksam, der Palazzo Rosso hat einen Ausblick zum Niederknien. Nur dass mir schon nach wenigen Kapiteln klar wurde: So perfekt kann es gar nicht sein.
Erzählt wird nicht geradeaus, sondern im Wechsel zwischen zwei Sommern, 1960 und 1961, und genau das hat mich am meisten gepackt. Man ahnt früh, dass beide Zeitebenen irgendwie zusammengehören, aber wie, das hält McKay lange offen. Auch Clara ist eben nicht nur die naive junge Ehefrau, die sie zunächst zu sein scheint, sie trägt selbst etwas mit sich herum. Dann kommt Spencer immer angespannter rüber, spricht plötzlich fließend Italienisch, was er vorher nie erwähnt hat, und irgendwann steckt jemand Clara heimlich einen Zettel zu: „Er lügt". Ab da hat mich das Buch nicht mehr losgelassen. Dazu noch Vivian und Fred, ein zweites Paar, ebenso charmant wie undurchsichtig, und man fragt sich ständig, wem man hier eigentlich noch glauben kann oder soll.
Was mir besonders gefallen hat, ist das Tempo, oder besser, die Geduld, die der Roman mit sich selbst hat. Die Sonne, der Wein, die schöne Fassade, das ist keine reine Kulisse, sondern baut ganz bewusst einen Kontrast zu dem auf, was darunter gärt. Ich hab an ein paar Stellen im Mittelteil kurz gedacht, jetzt zieh doch mal an, aber genau in dem Moment, wo ich ungeduldig wurde, hat McKay angefangen, die Schrauben anzuziehen, und dann ging es richtig los. Wer sofortige Cliffhanger am Fließband erwartet, wird vielleicht kurz hadern. Ich mochte gerade dieses langsame Zudrehen der Schlinge, das Gefühl, dass unter der glänzenden Oberfläche längst etwas faul ist, lange bevor irgendjemand im Buch es ausspricht.
Perfekt für alle, die White Lotus lieben oder generell ein Faible für Urlaubsromane mit doppeltem Boden haben.