Unerfüllter Kinderwunsch gepaart mit Freundschaft als Machtgefüge

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Dieser Romanbeginn hat mich sofort gepackt – nicht durch Handlung, sondern durch Atmosphäre. Alles ist aufgeladen, noch bevor „etwas passiert“. Schon der erste Satz – „Etwas stört im Bild.“ – setzt einen Ton, der bleibt: Hier geht es um Wahrnehmung, um Verschiebungen, um das Gefühl, nicht zu passen. Und dieses Gefühl verdichtet sich mit jeder Seite.

Das Ferienhaus ist dabei mehr als Kulisse. Es ist ein Symbol, beinahe ein Gegenüber: kühl, teuer, perfekt, steril. Die Beschreibung ist präzise und bitterkomisch zugleich – das Start-up-taugliche Interieur, das lederne Sofa als Landschaft, der ausgestopfte Vogel im Käfig. Ich liebe diese Details, weil sie nicht dekorativ sind, sondern erzählen. Sie sprechen von Reichtum, Distanz, einer Ästhetik, die nichts will außer makellos sein. Und mittendrin Linn, die sehr früh erkennt: Sie selbst ist das Störende im Bild. Das ist ein starker, leiser Moment, der viel über ihre innere Verfassung verrät.

Die Figurenkonstellation funktioniert hervorragend. Felix, Matze, Eva – allesamt sauber konturiert, ohne dass der Text sie erklären müsste. Besonders gelungen finde ich die Dynamik zwischen Felix und Matze: Großzügigkeit als Machtform, Freundschaft als stilles Abhängigkeitsverhältnis. Das Weiterreichen alter Geräte, das unausgesprochene „Dafür sagst du nie nein“ – das ist messerscharf beobachtet. Linn sieht das, leidet daran, und schweigt. Auch das spricht.

Stilistisch ist der Text sehr souverän. Klar, modern, mit trockenem Witz, aber nie auf Kosten der Figuren. Die Ironie sitzt genau richtig. Sätze wie die über Ottos T-Shirt oder die Wandtattoo-Ferienwohnungen sind nicht nur lustig, sie verorten den Text sozial und kulturell sehr genau. Man merkt: Hier schreibt jemand mit Blick für Klassenunterschiede, für Privilegien, für die feinen Risse unter der Oberfläche des vermeintlich Schönen.

Der Bruch mit dem Forumseintrag zur Kinderwunschbehandlung ist dann ein regelrechter Stich. Plötzlich kippt alles: von ästhetischer Überfülle zu Körperlichkeit, Angst, Kontrollverlust. Blut, Progesteron, Zäpfchen – das ist roh, intim, und bewusst ungeschönt. Die sterile Perfektion des Hauses steht nun im krassen Gegensatz zu Linns Körper, der sich entzieht, der nicht „funktioniert“. Dieser Kontrast ist hart, aber unglaublich wirkungsvoll. Das Private wird hier nicht romantisiert, sondern entblößt.

Mein Eindruck nach diesem Einstieg: Das hier ist ein literarisch sehr kluger Romananfang, der große Themen verhandelt – unerfüllter Kinderwunsch, weiblicher Körper, soziale Ungleichheit, Freundschaft als Machtgefüge – ohne sie auszustellen. Alles bleibt in der Schwebe, aber nichts ist beliebig. Ich habe sofort Vertrauen in diesen Text. Und dieses ungute Gefühl, das er hinterlässt, ist kein Makel, sondern ein Versprechen: Hier wird nichts glattgebügelt.