... in jedem Moment eine Frau, die einmal Kinder haben würde
Das Setting mit zwei befreundeten Paaren in einem Ferienhaus ist grundsätzlich nicht neu - aber „Es ist hell und draußen dreht sich die Welt“ von Dita Zipfel ist wirklich ein außergewöhlicher Roman, der mich schon von Beginn an (ab dem Anfangszitat "Frauen müssen mit der Möglichkeit einer Schwangerschaft leben." - Rachel Cusk) begeistert hat.
Der wohlhabende Felix (mit Ehefrau Eva, Sohn Otto und dem Baby) hat seinen Jugendfreund Matze und dessen Frau Linn ins Luxus-Ferienhaus an der Côte d’Azur eingeladen. Linn und Matze versuchen schon lange erfolglos, ein Kind zu bekommen. Nach dem Urlaub soll Linn ein „perfekt gereifter Embryo“ eingesetzt werden. Linn ist zerrissen zwischen dem absoluten Wunsch, Mutter zu werden und ihren Selbstzweifeln, ob sie der Mutterschaft überhaupt gewachsen ist. Umso faszinierter ist sie von Eva, der scheinbar alles so leicht und perfekt gelingt; Eva sieht toll aus und hat endlose Geduld mit ihrem (leicht verwöhnten) Sohn Otto; nebenbei ist da noch das Baby. Dass Eva schon wieder schwanger ist und nicht weiß, ob sie noch ein drittes Kind aushalten kann, ahnt noch niemand.
"Jetzt steht sie im Bad und vor ihr liegt eine unscheinbare Tablette. Im Spiegel starrt eine Frau eine unscheinbare Tablette an. Alle warten auf ihre Entscheidung, so wie immer. Ihr ganzes Leben eine Abfolge von Entscheidungen, seit die Kinder da sind, eine Multiplikation von Entscheidungen. Was gibt es zu essen, braucht Otto eine Jacke, meinst du, wir müssen zum Arzt? Jetzt noch diese hier und die Frage, wie viele Entscheidungen sie noch treffen kann. Nimmt sie die Tablette, hält sie eine Lawine von weiteren Entscheidungen auf. Kein Name, kein Sportverein, kein Instrument. Kein Motto für den Kindergeburtstag, kein Einschulungsfest, kein Abstillen. Mit einer einzigen Entscheidung."
Während die Männer damit beschäftigt sind, Crémant zu trinken, angeln zu gehen und Matze sich fragt, ob ihre Jungdfreundschaft wirklich noch von Bestand ist, entwickelt sich zwischen den beiden Frauen langsam eine Verbündung, mit der sie nicht gerechnet hatten.
Wow, was für ein Roman!
Die Charaktere sind allesamt wunderbar getroffen; ganz besonders Linn und Eva; aber auch die Männer Matze und Felix sowie der kleine Otto.
Erwähnenswert finde ich auch, dass die Autorin auch die Reinigungskraft Latifa zu Wort kommen lässt; ihre Kapitel bereichern das Buch nochmals um eine interessante Perspektive.
Ich konnte mich sehr gut in beide Frauen-Charaktere hineinversetzen, was eindeutig an der feinen Beobachtungsgabe und Schreibkunst der Autorin liegt.
Eva, die von außen so perfekt und gelassen wirkt, kommt als Mutter an die Grenzen ihrer Belastbarkeit; und auch sie hat Selbstzweifel und Probleme mit ihrem Körper: "Sie weiß, was das Problem ist: Wenn sie in den Spiegel guckt, misst sie sich an einer Version ihrer selbst, die ist schon lange nicht mehr gibt. Es ist, als würde sich das Gehirn irgendwann festlegen: das ist dein Körper. So sieht er aus, so fühlt er sich an. Ab dem Zeitpunkt ist jede Veränderung eine Abweichung, eine Irritation. In ihrem Kopf lebt ein längst überholtes Bild ihres Körpers."
Linns Selbstzweifel und ihr Schmerz haben mich sehr berührt:
„Als wäre etwas gestorben. Ein ungelebtes Leben ist tot. Und es gibt keinen Ort, an den sie gehen kann, um darum zu trauern. Was nie da war, kann man nur in sich selbst begraben. Dabei würde sie gerne auf etwas zeigen und sagen: Guck, das hatte ich mal.
Sechs Embryos sind zu klein für ein Grab."
"Sie wird noch ein paar Jahre von Bekannten mit kleinen Kindern um ihre Freiheit beneidet werden, bis es nur noch Bekannte mit großen Kindern gibt. Wird ihrem Körper beim Zerfall zusehen. Ein zu weicher Bauch ist zu ertragen, wenn es dafür einen besseren Grund gibt als bloß vergangene Zeit. Einsamkeit ist schöner, wenn es Kinder gibt, die nicht mehr anrufen. Ihre Beziehung wird noch ein paar Jahre halten. Genau so lange, dass es für Matze noch nicht zu spät ist, mit einer jüngeren Frau Kinder zu bekommen. Sie wird nie wirklich lieben. Nicht auf diese reine, tiefe, unerschütterliche Art, die Art, die alles überlebt. Sie ist selbst erstaunt darüber, wie sehr ihr Leben, alles, was Sie bisher getan oder nicht getan hat, auf der Gewissheit aufbaute, dass sie einmal Kinder haben würde. Wie diese Gewissheit alles legitimierte, allem einen Sinn verlieh, der jetzt verpufft. Sie war, ohne es zu wissen, in jedem Moment eine Frau, die einmal Kinder haben würde.
Und jetzt?"
Das Ende lässt Fragen offen, ja – aber ich fand das genau passend. Wie sonst hätte man diesen Roman enden lassen sollen? Das Buch wird sicher noch lange in mir nachhallen.
„Es ist hell und draußen dreht sich die Welt“ ist ein starker und abgründiger Roman über weibliche Selbstbestimmung, Mutterschaft und Kinderlosigkeit - schon jetzt eines meiner bisherigen Jahres-Highlights!
Vielen Dank an den Insel-Verlag und Vorablesen für das Rezensionsexemplar!
Der wohlhabende Felix (mit Ehefrau Eva, Sohn Otto und dem Baby) hat seinen Jugendfreund Matze und dessen Frau Linn ins Luxus-Ferienhaus an der Côte d’Azur eingeladen. Linn und Matze versuchen schon lange erfolglos, ein Kind zu bekommen. Nach dem Urlaub soll Linn ein „perfekt gereifter Embryo“ eingesetzt werden. Linn ist zerrissen zwischen dem absoluten Wunsch, Mutter zu werden und ihren Selbstzweifeln, ob sie der Mutterschaft überhaupt gewachsen ist. Umso faszinierter ist sie von Eva, der scheinbar alles so leicht und perfekt gelingt; Eva sieht toll aus und hat endlose Geduld mit ihrem (leicht verwöhnten) Sohn Otto; nebenbei ist da noch das Baby. Dass Eva schon wieder schwanger ist und nicht weiß, ob sie noch ein drittes Kind aushalten kann, ahnt noch niemand.
"Jetzt steht sie im Bad und vor ihr liegt eine unscheinbare Tablette. Im Spiegel starrt eine Frau eine unscheinbare Tablette an. Alle warten auf ihre Entscheidung, so wie immer. Ihr ganzes Leben eine Abfolge von Entscheidungen, seit die Kinder da sind, eine Multiplikation von Entscheidungen. Was gibt es zu essen, braucht Otto eine Jacke, meinst du, wir müssen zum Arzt? Jetzt noch diese hier und die Frage, wie viele Entscheidungen sie noch treffen kann. Nimmt sie die Tablette, hält sie eine Lawine von weiteren Entscheidungen auf. Kein Name, kein Sportverein, kein Instrument. Kein Motto für den Kindergeburtstag, kein Einschulungsfest, kein Abstillen. Mit einer einzigen Entscheidung."
Während die Männer damit beschäftigt sind, Crémant zu trinken, angeln zu gehen und Matze sich fragt, ob ihre Jungdfreundschaft wirklich noch von Bestand ist, entwickelt sich zwischen den beiden Frauen langsam eine Verbündung, mit der sie nicht gerechnet hatten.
Wow, was für ein Roman!
Die Charaktere sind allesamt wunderbar getroffen; ganz besonders Linn und Eva; aber auch die Männer Matze und Felix sowie der kleine Otto.
Erwähnenswert finde ich auch, dass die Autorin auch die Reinigungskraft Latifa zu Wort kommen lässt; ihre Kapitel bereichern das Buch nochmals um eine interessante Perspektive.
Ich konnte mich sehr gut in beide Frauen-Charaktere hineinversetzen, was eindeutig an der feinen Beobachtungsgabe und Schreibkunst der Autorin liegt.
Eva, die von außen so perfekt und gelassen wirkt, kommt als Mutter an die Grenzen ihrer Belastbarkeit; und auch sie hat Selbstzweifel und Probleme mit ihrem Körper: "Sie weiß, was das Problem ist: Wenn sie in den Spiegel guckt, misst sie sich an einer Version ihrer selbst, die ist schon lange nicht mehr gibt. Es ist, als würde sich das Gehirn irgendwann festlegen: das ist dein Körper. So sieht er aus, so fühlt er sich an. Ab dem Zeitpunkt ist jede Veränderung eine Abweichung, eine Irritation. In ihrem Kopf lebt ein längst überholtes Bild ihres Körpers."
Linns Selbstzweifel und ihr Schmerz haben mich sehr berührt:
„Als wäre etwas gestorben. Ein ungelebtes Leben ist tot. Und es gibt keinen Ort, an den sie gehen kann, um darum zu trauern. Was nie da war, kann man nur in sich selbst begraben. Dabei würde sie gerne auf etwas zeigen und sagen: Guck, das hatte ich mal.
Sechs Embryos sind zu klein für ein Grab."
"Sie wird noch ein paar Jahre von Bekannten mit kleinen Kindern um ihre Freiheit beneidet werden, bis es nur noch Bekannte mit großen Kindern gibt. Wird ihrem Körper beim Zerfall zusehen. Ein zu weicher Bauch ist zu ertragen, wenn es dafür einen besseren Grund gibt als bloß vergangene Zeit. Einsamkeit ist schöner, wenn es Kinder gibt, die nicht mehr anrufen. Ihre Beziehung wird noch ein paar Jahre halten. Genau so lange, dass es für Matze noch nicht zu spät ist, mit einer jüngeren Frau Kinder zu bekommen. Sie wird nie wirklich lieben. Nicht auf diese reine, tiefe, unerschütterliche Art, die Art, die alles überlebt. Sie ist selbst erstaunt darüber, wie sehr ihr Leben, alles, was Sie bisher getan oder nicht getan hat, auf der Gewissheit aufbaute, dass sie einmal Kinder haben würde. Wie diese Gewissheit alles legitimierte, allem einen Sinn verlieh, der jetzt verpufft. Sie war, ohne es zu wissen, in jedem Moment eine Frau, die einmal Kinder haben würde.
Und jetzt?"
Das Ende lässt Fragen offen, ja – aber ich fand das genau passend. Wie sonst hätte man diesen Roman enden lassen sollen? Das Buch wird sicher noch lange in mir nachhallen.
„Es ist hell und draußen dreht sich die Welt“ ist ein starker und abgründiger Roman über weibliche Selbstbestimmung, Mutterschaft und Kinderlosigkeit - schon jetzt eines meiner bisherigen Jahres-Highlights!
Vielen Dank an den Insel-Verlag und Vorablesen für das Rezensionsexemplar!