Intensiv und feministisch

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
susank Avatar

Von

Felix, erfolgreich, wohlhabend und selbstbewusst und mit einer jungen, schönen und fruchtbaren Frau namens Eva liiert sowie zwei Kindern, lädt seinen besten Freund Matze, wenig erfolgreich und finanziell sehr viel weniger gut gestellt und dessen Frau Linn, älter, nicht so schön und vor allem ungewollt kinderlos, in einen Luxusurlaub nach Südfrankreich ein. Während sich die Männer – klischeehaft männlich – alle Unterschiede ignorierend mit Crémant betrinken und angeln gehen, beobachten die Frauen sich und ihre Haltungen distanziert. Derweil Eva scheinbar in ihrer Mutterrolle aufgeht, ist Linn zerrissen zwischen dem Wunsch, mit einer weiteren künstlichen Befruchtung endlich Mutter zu werden und der Frage, ob sie überhaupt eine „gute“ Mutter sein kann…..

Die Autorin Dita Zipfel hat neben Romanen auch Drehbücher und Theaterstücke geschrieben, und „Es ist hell und draußen dreht sich die Welt“ wirkt wie ein Kammerspiel mit seinen vier (oder genauer gesagt fünf) Darsteller*Innen in einer französischen Luxusvilla, ohne Statisterie und ohne Dekorationsaufwand; ausgenommen der gelbe Kanarienvogel, der die Titelseite ziert und auch als Symbol im Roman wirkt.

Die Kapitel sind kurz, genau wie die knappen Sätze und die manchmal fast sperrig wirkende Sprache. Dazu kommen viele Perspektivwechsel, die nicht gekennzeichnet sind und teilweise sehr abrupt wirken. Dennoch zeichnet Dita Zipfel ein klares Bild von ihren Figuren, ihren Gedanken und Wünschen; vieles entwickelt sich zwischen den Zeilen und lässt Raum für Interpretationen, dazu kommt eine starke Symbolik, mit der sich weiter befasst werden kann.
Obgleich die Themen um Kinderwunsch und die Frage einer „guten“ Mutter nicht (mehr) mein Thema sind, konnte mich dieser Roman absolut in seinen Bann ziehen mit seiner Intensität.

Während die Männer in ihren vertrauten Mustern bleiben und ihre zugewiesenen Rollen annehmen, stehen die Frauen im Mittelpunkt: sie beobachten, hadern mit sich und anderen, setzen sich mit dem Erfahrenen auseinander und planen schließlich ihre Zukunft. Aus Neid und Missgunst entwickeln sich im Laufe der Zeit Verständnis, Respekt und Solidarität bei Eva und Linn; schließlich werden sie sogar zu Verbündeten. Insbesondere die Frauen bestechen durch die einfühlsam beschriebenen Gedanken und Handlungen, ihre authentische Mehrdimensionalität und ihre Zerrissenheit sowie ihre mehr oder weniger offen gezeigte Wut. Und auch, wenn mir Linn vornehmlich unsympathisch blieb mit ihrer offen gelebten Female Rage und irritierenden Handlungen, war ihre Rolle durchaus nachvollziehbar und regte zum Nachdenken an.

Es ist beachtlich, wie viele Themen Dita Zipfel auf gerade einmal gut 200 Seiten abhandelt: Rollenbilder, patriarchale Strukturen, Weibliche Selbstbestimmung, Muttersein und ungewollte Schwangerschaften, die Belastungen künstlicher Befruchtungen, psychische Erkrankungen, weibliche Wut und gesellschaftliche Regeln. Gut beobachtet von der Autorin und mit feinen Zwischentönen kraftvoll erzählt. Für mich passte auch das einigermaßen überraschende Ende und viele offene Fragen absolut zu diesem Roman, der dahin reicht, wo es wehtut.

Ein Buch, das mich bewegt hat und noch lange nachhallt, aber das sicherlich polarisiert.