Solidarität unter Frauen

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern Leerer Stern
coffee2go Avatar

Von

Der Roman startet kraftvoll und mit anschaulichen Beschreibungen, sodass man sich als Leser*in sehr gut in die vier Hauptcharaktere Linn und Matze sowie Eva und Felix hineinversetzen kann. Gemeinsam befinden sich die vier Erwachsenen sowie die zwei Kinder von Eva und Felix auf Urlaub abseits der Saison in einem Ferienhaus, wo sich mit der Zeit ein immer intensiver werdender Austausch über Weiblichkeit und das Muttersein entwickelt.
Schön zu beobachten ist, dass die Aktivitäten zu Beginn fast komplett den Kindern angepasst waren, die Gespräche belanglos und an der Oberfläche blieben, aber mit der Zeit entsteht vor allem zwischen den beiden Frauen eine emotionale Nähe und Verbundenheit und die Gespräche werden ehrlicher, authentischer. Eva und Linn zeigen sich von ihren verletzenden Seiten, während Eva unerwünscht zum dritten Mal schwanger ist, kann Linn trotz intensiver Kinderwunschbehandlung keine Kinder bekommen. Zentrale Themen wie die weibliche Selbstbestimmung und die gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen über Mutterschaft bekommen Platz und Raum und werden ausführlich von mehreren Seiten betrachtet. Die Männer hingegen bringen ihre Zusammengehörigkeit mit gemeinsamen Aktivitäten, wie Angeln oder Ausflügen zum Ausdruck. Die Sprache ist bildhaft, beobachtend und durch die wechselnden Perspektiven sowie durch die räumliche Abgeschiedenheit ist es gelungen tiefgreifende Betrachtungsweisen zu ermöglichen. Dies hat mir sehr gut gefallen und es regt zum Nachdenken an, auch noch im Nachhinein. Es wird nicht moralisiert oder verurteilt, sondern alle Gefühlslagen werden zugelassen und sind in Ordnung, das finde ich gut. Was mir weniger gut gefallen hat, dass die Situationen an manchen Stellen ins symbolische, surreale abdriften. Die Situation mit dem Freilassen des Kanarienvogels und den Wahrheit- oder Pflichtspielen war noch nachvollziehbar, aber als dann plötzlich ein Nashorn ins Spiel kam und die Situation am Ende komplett eskalierte, war es mir zu unwirklich. Hier hätte ich mir einen emotionalen, tiefgreifenderen Abschluss gepasst, der das Thema um die Selbstbestimmung von Frauen besser würdigt.