Zerplatzte Träume

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leylin Avatar

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Dieses Buch hat mich vor allem über seine Themen erreicht, weniger über seine Figuren. Es ist hell und draußen dreht sich die Welt erzählt von Linn, die sich in einer Kinderwunschbehandlung befindet, von Matze an ihrer Seite, und von einem Urlaub mit Felix und dessen Frau Eva – schön, reich, schwanger, bereits zweifach Mutter eines kleinen Sohnes und "Baby". Schon diese Konstellation erzeugt eine spürbare Spannung: zwischen Haben und Nicht-haben, zwischen Wunsch und Wirklichkeit, zwischen Frauen, die sich eigentlich verstehen müssten.
Besonders eindrücklich fand ich Linns Aggressionsproblematik und die Paardynamik mit Matze. „Das ist sein wunder Punkt, das weiß sie. Wenn er nicht genug getan hat. Und gerade ist es das Einzige, was ihr einfällt, damit sie nicht die Einzige ist, die Schuld hat.“ – bringt für mich sehr gut auf den Punkt, wie Schuld, Überforderung und Selbstschutz ineinandergreifen. Linn ist keine angenehme Figur, aber eine ehrliche. Ihre Verletzlichkeit zeigt sich oft dort, wo sie am meisten austeilt.
Zwischen Linn und Eva entsteht eine ambivalente Beziehung, die ich als eines der stärksten Elemente des Romans empfunden habe: Rivalität und gleichzeitig ein tiefes Verständnis füreinander als Frauen. Es schwankt ständig zwischen Ablehnung und Zuneigung, zwischen dem Wunsch, gesehen zu werden, und dem völligen Unverständnis für die andere Lebensrealität. Diese Spannung wirkte auf mich sehr real – schmerzhaft, unausgesprochen, nie ganz aufgelöst.
Trotzdem muss ich sagen: Ich konnte mit keiner der Figuren wirklich warm werden. Es ist mir nicht gelungen, eine parasoziale Beziehung aufzubauen oder mich emotional an eine von ihnen zu binden. Vielleicht liegt das an der Kürze des Romans – 220 Seiten fühlten sich für die Schwere und Komplexität der Themen fast zu knapp an. Die Auseinandersetzung mit Kinderwunsch, patriarchalen Geschlechterrollen und weiblicher Selbstdefinition ist gut und klug ausgearbeitet, hätte für mich aber mehr Raum gebraucht, um wirklich nachzuhallen.
Am meisten Sympathie hatte ich noch für Matze. Er wird als Mitläufer, als jemand, der rettet, hilft und „da ist“, dargestellt – ohne erkennbare Manipulation oder Eigennutz.
Einige Sätze sind mir geblieben, etwa auf Seite 114: „Ein Kind, das es vielleicht nie geben wird, bestimmt ihr Leben.“ Oder später: „Was nie da war, kann man nur in sich selbst begraben.“ Diese Momente bringen das existentielle Gewicht des Romans sehr klar auf den Punkt.
Es ist hell und draußen dreht sich die Welt ist ein Buch über Kinderwunsch, weibliche Konkurrenz und Solidarität, über Schuld, Scham und gesellschaftliche Erwartungen. Emotional hat es mich dennoch nicht abgeholt.