zwischenmenschliche Spannungen

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kalteasche Avatar

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Der Roman „Es ist hell und draußen dreht sich die Welt“ erzählt von zwei Paaren, die gemeinsam Urlaub machen, und von Spannungen, die sich unter der scheinbar entspannten Oberfläche langsam entwickeln. Linn und Matze folgen der Einladung von Felix, dem wohlhabenden Jugendfreund Matzes, in einen luxuriösen Bungalow am Strand. Für Linn ist dieser Urlaub mehr als nur eine Auszeit. Danach soll ihr ein Embryo eingesetzt werden, sie möchte endlich schwanger werden. Dieser Wunsch durchzieht den gesamten Roman.
Von Beginn an liegt eine unterschwellige Unruhe in der Luft. Während sich Matze und Felix mit Crémant, Angelausflügen und alten Erinnerungen beschäftigen und dabei die sozialen Unterschiede zwischen ihnen zu überspielen versuchen, beobachten sich die beiden Frauen eher vorsichtig. Linn schwankt zwischen starkem Kinderwunsch und der Angst, keine gute Mutter sein zu können. In Eva, die sich geduldig und selbstverständlich um ihren Sohn und das Baby kümmert, erkennt sie sowohl ein Vorbild als auch eine Projektionsfläche für ihre eigenen Zweifel. Diese innere Zerrissenheit ist gut geschildert und macht Linn zu einer greifbaren Figur.
Der Roman lebt stark von dem, was unausgesprochen bleibt. Vieles geschieht zwischen den Zeilen, in Blicken, Gesten und kurzen Gesprächen. Die Dynamiken innerhalb der beiden Beziehungen werden nach und nach sichtbar. Man spürt, dass es unter der Oberfläche brodelt.
Insgesamt ist die Grundidee des Romans plausibel. Die Themen Kinderwunsch, Rollenbilder und soziale Unterschiede sind klug gewählt und bieten viel Stoff für Konflikte. Dennoch fiel mir das Lesen nicht immer leicht. Der Text wirkte stellenweise sperrig, sodass kein wirklich flüssiger Lesefluss entstehen wollte. Auch die Perspektivwechsel empfand ich teilweise als sehr abrupt, was mich wiederholt aus der Handlung gerissen hat.
Positiv hervorzuheben ist, dass die Autorin viel Raum für Interpretation lässt. Die leisen Zwischentöne sind gelungen. Allerdings nimmt die Geschichte gegen Ende eine sehr abstruse Wendung, die für mich nicht ganz stimmig wirkte und das zuvor sorgfältig aufgebaute Spannungsgefüge etwas geschwächt hat.
Insgesamt ist „Es ist hell und draußen dreht sich die Welt“ ein Roman mit einer interessanten Idee und feinem Gespür für zwischenmenschliche Spannungen, der jedoch Geduld erfordert und sich nicht nebenbei weglesen lässt. Wer sich auf die ruhige, teilweise sperrige Erzählweise einlässt, findet eine intensive Auseinandersetzung mit Nähe, Neid und der Frage, was es heißt, eine gute Mutter sein zu wollen.