Nichts für schwache Mägen

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katzenminze Avatar

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Martina hat ihren Vater verloren. Und obwohl sie nur zu Weihnachten und zum Geburtstag mit ihm Kontakt hatte, setzt ihr der Verlust schwer zu. Sie kannte ihren Vater eigentlich nicht – und nun hat sie auch keine Chance mehr, das zu ändern. Um diese Erkenntnis zu verdrängen, zieht sie durch die Berliner Kneipen, in denen sie die Tresenkräfte schon beim Vornamen kennt, trinkt und verdrängt.

Nach und nach erfahren wir ein bisschen mehr über M.s Kindheit und warum es kaum Kontakt gab. Viel ist es nicht, aber ausreichend um sich ein Bild zu machen. Man sollte Mitleid haben mit Martina, - mit ihrem Vater vielleicht auch - aber sie macht es einem nicht leicht. Einerseits ist sie klug, lustig, selbstironisch, kreativ aber dann auch wieder so planlos, so selbstzerstörerisch, so lost, dass man eigentlich nicht mehr zuschauen mag.

Was mir gut gefallen hat, war die Dynamik der Geschichte. Martina fängt mit einem Gläschen Weißwein an; sie liest gerne in der Kneipe, dort ist sie immerhin nicht allein. Sie hört ihren Sitznachbarn zu, liest oder tut so als ob, zum Wein kommt noch ein Schnaps und irgendwann geht es nach Hause. Es wirkt erst ziemlich normal, aber das ist es nicht. Mehr und mehr kommt Ms. Abhängigkeit ans Licht und man merkt, dass es eigentlich kaum noch Halt gibt in ihrem Leben. Es wird zunehmend ekelhaft und abgedreht, wogegen ich prinzipiell überhaupt nichts habe! Hier musste ich das Buch an einer Stelle für ein paar Stunden zur Seite legen um etwas Abstand zu gewinnen. Diese Story ist nichts für schwache Mägen!

Zwischendurch schreibt Martina Briefe an ihren Vater. Die sind wirklich klasse! Diese Ironie, dieses schwanken zwischen wissen und nicht-wahrhaben-wollen, zwischen Liebe und Wut. Hier zeigt Liesau deutlich ihre tolle Erzählstimme: Rasant, klug, derb, witzig aber auch schmerzhaft.

Leider hat mir das letzte viertel der Story nicht mehr so gut gefallen. Es war mir zu gewollt lustig, zu viel Klischee und zu viel Realitätsverlust. Vielleicht war es einfach konsequent gemeint, aber ich fand es nicht passend. Mir fehlte ein sinnvoller Abschluss, hier endet es einfach mit der nächsten Anekdote eines verkorksten Lebens.

Generell ist „Es war nicht anders möglich“ ein Roman der Melancholie mit Derbheit, Witz mit Trauer und Nachtleben mit Verzweiflung paart. An sich ein wirklich kreatives Debüt, dem es für mich am einem stimmigen Ende gefehlt hat.