Schlingern auf dem Pilsparkett
„Es war nicht anders möglich“, der Debutroman von Svenja Liesau, erschienen 2026 bei Rowohlt Berlin, ist ein formal spannendes Buch über Trauer, Berlin und mental issues, das eine verblüffende Verbindung zwischen Kneipe und Psychiatrie herstellt und den Flair Berlins ganz wundervoll einfängt.
Martina hat ihren Vater zum zweiten Mal verloren, das erste Mal schon in sehr jungen Jahren, als ihre Eltern sich trennten und sie bei der Mutter blieb, die offenkundig überfordert mit der Alleinerziehung Martina emotional verwahrlosen lässt. Der Vater verbleibt als fern kreisender Satellit für Martina ein Sehnsuchtsort, manchmal kreuzt er kurz ihre Umlaufbahn, doch zu packen ist er nie. Nun verliert sie ihn ein zweites Mal an die Sterblichkeit und wird dadurch in eine nicht enden wollende Schleife aus Trauer, Selbsthass und Ziellosigkeit geworfen, die sie im ersten Teil des Buches durch die Berliner Eckkneipen treibt und im zweiten in der Psychiatrie stranden lässt.
Svenja Liesau hat ein formal einzigartiges Buch geschrieben, in dem sie mutig das Buch mit einer amtlichen Playlist beginnt (die zur Freude der Leserin auf Streamingdiensten zu finden ist), immer wieder mit Songtexten arbeitet und vor allem auch mit SMS an den toten Vater und Briefen. Die Konstruktion ist fragmentarisch und collagiert, wir folgen keinem durchgehenden Erzählvorgang, so wie das durchgehend alkoholisierte Gehirn von Martina durch die Tage zappt, Filmrisse inklusive, so treiben auch wir durch die Geschichte. Liesau fängt den Mikrokosmos Eckkneipe wirklich perfekt ein, so sehr, dass ich die jeweilige Kneipe sogar riechen konnte. Ihre Protagonistin Martina ist nicht unbedingt eine sympathische Figur, zumal sie kaum Entwicklung macht im Lauf des Romans, das muss frau aushalten können beim Lesen. Wie Liesau generell richtig tief in den Dreck greift, einige Passagen haben mich schwer schlucken lassen. Doch dadurch ist es auch ein ehrliches Buch, Trauer und Selbstverlust, Trauma und Autoaggression sind nun einmal keine Hochglanzthemen. Wir treiben durch Berlin, wir treiben auch durch eine, ebenfalls sehr treffend beschriebene Psychiatrie – in aller Härte und doch auch mit viel Humor und ein paar klugen Lebentipps, mit ganz beiläufig integrierten vielfältigen Themen, mit Feminismus und durchgehend genderneutraler Sprache. Das macht tatsächlich Spaß und berührt über weiter Strecken.
Svenja Liesaus literarische Stimme ist aufregend und frisch, sie traut sich viel – und am Ende verliert sie für mich ein wenig den Fokus, bzw. so ganz findet sie nicht aus ihrem Flow hinaus. Das ist das einzige kleine Manko dieses Buches, das mich über die Mehrheit seiner Seiten wirklich begeistert hat. Ich hoffe, Liesau schreibt munter weiter und schenkt uns noch mehr Bücher wie eine Discokugel – das trifft die sehr gelungene optische Gestaltung des Buches ebenso wie den Inhalt, der so glitzernd kreist und etwas leerdreht, während die imaginäre Jukebox quäkt. Eine Entdeckung!
Ein großes Dankeschön an vorablesen.de und Rowohlt Berlin für das Rezensionsexemplar!
Martina hat ihren Vater zum zweiten Mal verloren, das erste Mal schon in sehr jungen Jahren, als ihre Eltern sich trennten und sie bei der Mutter blieb, die offenkundig überfordert mit der Alleinerziehung Martina emotional verwahrlosen lässt. Der Vater verbleibt als fern kreisender Satellit für Martina ein Sehnsuchtsort, manchmal kreuzt er kurz ihre Umlaufbahn, doch zu packen ist er nie. Nun verliert sie ihn ein zweites Mal an die Sterblichkeit und wird dadurch in eine nicht enden wollende Schleife aus Trauer, Selbsthass und Ziellosigkeit geworfen, die sie im ersten Teil des Buches durch die Berliner Eckkneipen treibt und im zweiten in der Psychiatrie stranden lässt.
Svenja Liesau hat ein formal einzigartiges Buch geschrieben, in dem sie mutig das Buch mit einer amtlichen Playlist beginnt (die zur Freude der Leserin auf Streamingdiensten zu finden ist), immer wieder mit Songtexten arbeitet und vor allem auch mit SMS an den toten Vater und Briefen. Die Konstruktion ist fragmentarisch und collagiert, wir folgen keinem durchgehenden Erzählvorgang, so wie das durchgehend alkoholisierte Gehirn von Martina durch die Tage zappt, Filmrisse inklusive, so treiben auch wir durch die Geschichte. Liesau fängt den Mikrokosmos Eckkneipe wirklich perfekt ein, so sehr, dass ich die jeweilige Kneipe sogar riechen konnte. Ihre Protagonistin Martina ist nicht unbedingt eine sympathische Figur, zumal sie kaum Entwicklung macht im Lauf des Romans, das muss frau aushalten können beim Lesen. Wie Liesau generell richtig tief in den Dreck greift, einige Passagen haben mich schwer schlucken lassen. Doch dadurch ist es auch ein ehrliches Buch, Trauer und Selbstverlust, Trauma und Autoaggression sind nun einmal keine Hochglanzthemen. Wir treiben durch Berlin, wir treiben auch durch eine, ebenfalls sehr treffend beschriebene Psychiatrie – in aller Härte und doch auch mit viel Humor und ein paar klugen Lebentipps, mit ganz beiläufig integrierten vielfältigen Themen, mit Feminismus und durchgehend genderneutraler Sprache. Das macht tatsächlich Spaß und berührt über weiter Strecken.
Svenja Liesaus literarische Stimme ist aufregend und frisch, sie traut sich viel – und am Ende verliert sie für mich ein wenig den Fokus, bzw. so ganz findet sie nicht aus ihrem Flow hinaus. Das ist das einzige kleine Manko dieses Buches, das mich über die Mehrheit seiner Seiten wirklich begeistert hat. Ich hoffe, Liesau schreibt munter weiter und schenkt uns noch mehr Bücher wie eine Discokugel – das trifft die sehr gelungene optische Gestaltung des Buches ebenso wie den Inhalt, der so glitzernd kreist und etwas leerdreht, während die imaginäre Jukebox quäkt. Eine Entdeckung!
Ein großes Dankeschön an vorablesen.de und Rowohlt Berlin für das Rezensionsexemplar!