Stark in der Stimmung, schwach in der Balance

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felizias Avatar

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Das dunkle Cover mit den silbrig glänzenden Luftballons finde ich optisch sehr gelungen. Es wirkt gleichzeitig schön und unheimlich fehl am Platz; genau dieser Kontrast passt für mich gut zur Stimmung des Buches. Insgesamt macht die Gestaltung neugierig und verspricht etwas Düsteres, Schweres.

Thematisch geht es um Trauer, eine schwierige Vater-Tochter-Beziehung und darum, dass man nach einem Tod nicht „ordnungsgemäß“ abschließt, sondern oft eher hilflos darin festhängt. Das Buch wird im Verlauf immer bedrückender (auch teils eklig) und zeigt, wie die Hauptfigur versucht, mit dem Verlust klarzukommen; vor allem mit der Endgültigkeit, dass sich die Beziehung zum Vater nie mehr verbessern kann. Für mich wurde das aber nicht immer zufriedenstellend umgesetzt, weil vieles sich wiederholt oder in Ausschweifungen abdriftet, ohne dass es wirklich weiterführt.

Was für mich eindeutig die Stärke ist: die Atmosphäre. Der Stil ist dicht und stimmungsvoll, teils trocken-humorvoll und ungeschönt. Gleichzeitig hatte ich immer wieder das Gefühl, dass das Tempo nicht gut ausbalanciert ist. Manche Passagen sind mir zu lang, während andere Stellen mehr Ausbau verdient hätten, damit die Geschichte und die Gefühlswelt vertieft werden können.

Martina wirkt in ihrem Verhalten glaubwürdig und nicht „glatt“, eher widersprüchlich und stellenweise ziemlich chaotisch. Authentisch ja, aber emotional kam ich nicht immer nah genug ran, weil für mich zu viel im Kreis lief. Es gibt sicher Leser:innen, die genau diese Stagnation als konsequent empfinden; für mich blieb es dadurch eher statisch.

Mich hat vor allem die Grundidee interessiert: eine ehrliche, nicht beschönigende Auseinandersetzung mit einem schwierigen Elternteil nach dessen Tod. Außerdem mochte ich die stimmungsvolle Sprache und den trockenen Ton, der das Ganze nicht kitschig macht.

Fazit:
Ich gebe dem Buch 2 Sterne. Es ist atmosphärisch stark und hat eine solide Grundlage, aber die Umsetzung verliert sich für mich zu oft in zu langen Passagen und Wiederholungen, während andere Aspekte mehr Tiefe gebraucht hätten. Als Debüt zeigt es Potenzial. Ich glaube, die Autorin kann sich künftig deutlich steigern. Content Notes (spoilerfrei): Es kommen u.a. Beschreibungen von Suizid, häuslicher Gewalt und Substanzmissbrauch vor.
Die Suizid-Warnung steht hinten im Buch und war für mich dadurch zu spät platziert. Hier hätte ich mir Warnungen vorweg gewünscht.