Netz aus Lügen im Schatten der jungen DDR

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Der Beginn des Romans „Falls jemand fragt, wer wir waren“ von Eva Kranenburg fasziniert ab der ersten Seite durch eine packende, unheilvolle Atmosphäre. Die Szenerie im Mai 1953 beginnt scheinbar idyllisch an den Saalewiesen in Halle, schlägt jedoch rasant in puren psychologischen Nervenkitzel um, als vier bedrohliche Männer die sechzehnjährige Tilla und ihre unerschrockene Freundin Rena in einem verlassenen Güterwaggon bedrängen. Dieser Einstieg ist meisterhaft konstruiert: Er baut sofort eine enorme Spannung auf, führt die gegensätzlichen Charaktere der Mädchen perfekt ein und bricht jäh mit der vermeintlichen Sicherheit, als Tilla kurz darauf eine Leiche im Fluss entdeckt. 
Die Sprache der Leseprobe ist klar, bildhaft und psychologisch tiefgründig. Kranenburg schreibt aus Tillas Perspektive in kurzen, prägnanten Sätzen, die das jugendliche Gefühlschaos zwischen erster Liebe, politischer Naivität und nackter Existenzangst spürbar machen. Besonders stark gelingt die Verflechtung der bedrückenden Nachkriegsrealität, geprägt von Ruinen, Lebensmittelmarken und der omnipräsenten Volkspolizei, mit den traumatischen Erinnerungen der Charaktere. Der Kontrast zwischen Renas provokantem Humor und ihrer heimlich vor Angst zitternden Faust ist sprachlich brillant herausgearbeitet.
Nach dem Ende dieser Leseprobe ist das Interesse, das Buch weiterzulesen, riesig. Der doppelte Cliffhanger zieht den Leser völlig in seinen Bann: Rena verschwindet spurlos, und Tilla muss feststellen, dass Renas gesamte Identität, von der Mutter im Konsum bis hin zu ihrem angeblichen Elternhaus, das sich als ausgebombte Ruine entpuppt, eine reine Lüge war. Die fundamentale Frage „Wer ist Rena?“ brennt sich fest und verlangt im historischen Kontext des herannahenden Volksaufstands vom 17. Juni 1953 unbedingt nach Aufklärung.