Coming-of-Age in der DDR

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Die 16-jährige Tilla Kersten hat sich in den Saale-Wiesen mit dem Mädchen Rena angefreundet, mit dem sie sich an einem alten Güterwaggon zum Schwimmen im Fluss trifft. Beide Mädchen wirken trainiert und kräftig und kommen nicht auf die Idee, dass sie an ihrer Badestelle in Gefahr sein könnten. Als eines Tages insgesamt vier Männer dort auftauchen und Tilla kurz darauf eine Tote am Flussufer findet, ist es mit der Idylle vorbei. Zeitgleich verschwindet Rena und hinterlässt nur einen roten Stoffstreifen, den sie deutlich sichtbar angeknotet hat. Als Tilla Rena unter der angegebenen Adresse sucht, stellt sie fest, dass deren Geschichte komplett erlogen sein muss.

Tillas Familienverhältnisse sind für die Epoche nicht ungewöhnlich. Nach dem Tod ihrer Mutter war sie für einige Zeit im Heim und lebt nun mit ihrem Vater, den seine KZ-Haft sichtlich körperlich und seelisch gezeichnet hat. Geschehnisse in Konzentrationslagern werden zwischen Vater und Tochter vermieden, Tilla reimt sich manches zusammen, wagt jedoch nicht, genauer nachzufragen.

Zwischen Tilla und dem etwas älteren Roman hatte sich kurz zuvor eine Romanze entwickelt, die ihren Vater kaum zu beunruhigen scheint. Er ist Kommunist, Romans Vater, der Polizeipräsident, hat mit der Familie einige Zeit in Moskau gelebt und deshalb muss Roman offenbar für zuverlässig gehalten werden. Der Dialog über Roman zwischen Vater und Tochter führt in die spezielle DDR-Sprache ein, in der es einen Riss gab zwischen privatem, dem politisch korrekten offiziellen Sprachgebrauch und der verdeckten Kommunikation der Regimegegner, die mir aus dem zensierten privaten Briefverkehr zwischen BRD und DDR erstaunlich vertraut ist. Tillas linientreuer Vater will unbedingt das Gute im DDR-Sozialismus sehen. Sie übernimmt zunächst seine Art, stets das Gute in den Menschen zu sehen und ihnen logische Gründe für ihr Handeln zuzugestehen. Tilla ist überzeugt, dass sie nichts zu befürchten hat, wenn sie nicht „gegen den Staat“ ist. Die Widersprüche des Systems und seiner Floskeln beschreibt sie treffend, die erwachsene Leser:innen des Romans früher ahnen als Tilla selbst. Doch selbst wenn sie durch Roman mehr weiß, über das man besser schweigt, wuchs mir ihr Weltwissen teils zu schnell, mit dem sie die Widersprüche einordnen und benennen konnte. Beispielsweise, dass Vater und Tochter eine vollständig eingerichtete Wohnung und den persönlichen Besitz eines in den Westen Geflüchteten zugeteilt bekommen haben. Funktionäre erhalten ganze Häuser, während für die arbeitende Bevölkerung Versorgungs- und Wohnraummangel herrscht.
Mit Tilla und dem krimireifen Verschwinden Renas sind geschickt weitere Themen verknüpft: Romans Erlebnisse als Funktionärskind, der Konflikt zwischen Tilla und Lotte, deren Familie der bekennenden Kirche angehört, die zunächst verschleierte Berufstätigkeit des Vaters mit ungewöhnlichen „Dienstreisen“, Konflikte um Plan, Leistung und Versorgungsmängel, sowie der Aufstand im Waggonwerk am 17. Juni 1953, dessen Zeugen Tilla und Roman werden.

Im Nachwort differenziert Eva Kranenburg zwischen Fakten und Fiktion, historischen und fiktiven Figuren. Ihre in den 1930ern und 40ern geborenen Zeitzeugen wirken wohlüberlegt gewählt, einige der Ereignisse habe ich als Kind selbst so erlebt.

Fazit
Tilla mit ihrem Sinn für feine Ironie habe ich sehr glaubwürdig erlebt und finde besonders gelungen, wie sie Widersprüche zunächst im Verhalten ihres Vaters wahrnimmt und ihren kritischen Blick auf ihre Umwelt ausweitet. Durch Tillas allmählich wachsendes Erkennen eines Sozialismus, der nur dem Wort nach als Fassade existierte, finde ich den Roman auch als Jugendroman ab 14 Jahren empfehlenswert.