Erwachsenwerden in schwieriger Zeit
Die Autorin Eva Kranenburg, ich kannte sie bisher gar nicht (leider), hat ein Zeitfenster der deutschen bzw. DDR-Geschichte für ihren Roman gewählt, das momentan nicht so oft im Fokus steht. Der 17. Juni 1953, der Tag des Volksaufstands in der DDR, ist vielen rückblickend nur noch als Feiertag in der Bundesrepublik vor der Wiedervereinigung in Erinnerung. Für mich ist es ein Tag, von dem meine Mutter erzählte, denn sie erlebte den Tag in Ostberlin, mein Vater auch, aber der erzählte nichts. Ich bin erst ein Jahr später geboren, in der DDR aufgewachsen, habe ich von den Ereignissen in der Schule nur vernommen, dass der Klassenfeind zurückgeschlagen wurde. Unterdessen habe ich mir einiges mehr an historischem Wissen angeeignet, aber einen Roman über diese Zeit habe ich wohl nie gelesen. Mit „Falls jemand fragt, wer wir waren“ hat sich das nun geändert und ich bin, nach einigen Startschwierigkeiten, von diesem Roman wirklich begeistert.
Eva Kranenburg entführt den Leser nach Halle an der Saale, 1953 eine der 14 Bezirkshauptstädte der DDR, ausgestattet u. a. mit Rathaus, Oberschule, Industriebetrieben, Abwasserproblemen, Staatssicherheitsbezirksverwaltung und zugehörigem Untersuchungsgefängnis. Die letzten beiden Punkte sind die wichtigsten für dieses Buch, sie wirken wie ein Sicherheitszaun in zwei Richtungen, spielen in den Köpfen der Menschen eine starke Rolle, versetzen in Angst und Schrecken.
Eine, die die Angst hautnah spürt, ist die jugendliche Heldin dieses Romans, Mathilde Kersten, auch Thilda oder kurz Tilla genannt, lebt mit ihrem Vater zusammen in äußerlich recht ärmlichen Verhältnissen. Eigentlich müsste das nicht sein, denn der Vater war KZ-Häftling und arbeitet nun für die Staatssicherheit, ist Oberstleutnant, aber sehr darauf bedacht, sich nicht durch Vorteilsnahme ins Unrecht zu setzen. Seine hehren Ziele sind für Tilla nicht so leicht zu durchschauen, erst im Verlauf der Geschichte erfährt sie von der Tätigkeit des Vaters, begreift, warum manche Freunde sich von ihr abwenden: Hundertfünfzigprozentige sind nicht sehr beliebt. Sie findet im März 1953 zufällig eine neue Freundin, nicht auf der Oberschule, sondern bei einer Demonstration, die für beide etwas ungewöhnlich verläuft. Rena, so heißt das Mädchen, wird die engste Vertraute von Tilla, beide treffen sich fortan in einem alten Bauwagen an der Saale und werden sich dort sehr vertraut. So glaubt wenigstens Tilla, denn plötzlich ist Rena weg, es wird eine weibliche Leiche gefunden, es ist nicht Rena, aber Tilla ist vollkommen verunsichert. Ihre Suche nach Rena läuft ins Leere, aber sie findet einen neuen Freund, Roman, der ist Sohn des Polizeipräsidenten von Halle und genauso verunsichert wie Tilla.
Je länger die Suche nach Rena dauert, umso mehr erfährt Tilla, über ihren Vater, über Romans Erlebnisse in der Sowjetunion, über die Erziehungsmethoden seines Vaters, über die Propagandalügen der noch jungen DDR.
Sie entdeckt, wie die Tote aus der Saale hieß, sie findet Renas Freund, der ihr die Wahrheit über Rena erzählt, und sie sucht immer weiter nach ihr. Den Höhepunkt des Romans bildet der 17. Juni 1953, der sehr viel Hoffnungen weckt, in Tilla, wie auch in Roman oder überhaupt in den Hallensern. Dass der Aufstand nur ein Strohfeuer war und sich in der DDR nichts änderte, werden alle früher oder später selbst begreifen müssen.
Das ist das Tragische am Roman, dass der Leser natürlich weiß, dass erst der 9. November 1989 eine Änderung der Machtverhältnisse brachte. Trotzdem ist es spannend, Tilla durch diese unsichere Zeit zu folgen.
Der Roman liest sich gut, die Autorin hat einen Stil, der der Jugend ihrer Protagonisten entspricht, und wenn man die Liedzeile „Die Partei hat immer recht.“ liest, weiß man dann auch, wer sie glaubt und wer heimlich mit den Augen rollt. Der vierte Teil beginnt mit einem Gedicht von Johannes R. Becher, seine zarte Lyrik wird Erstaunen hervorrufen, bekannt ist er den meisten durch die Nationalhymne der DDR „Auferstanden aus Ruinen…“. Das Cover sieht sehr viel anschmiegsamer und romantischer aus, als es der Inhalt des Romans dann ist. Aber vielleicht ist es gerade diese Ambivalenz, die ihn so lesenswert macht.
Fazit: „Die Wahrheit ist ein gefährliches Geschütz.“ – dieser Satz des Vaters umfasst die gesamte Staatssicherheitsdoktrin der DDR, auf ihr beruhte jede Verhaftung, jede Verurteilung, auf dieser Grundlage existierte das Land rund 40 Jahre. Es ist der Autorin zu verdanken, dass diese Erkenntnis wieder ins heutige Denken zurückgeholt wird. Von mir eindeutig eine Leseempfehlung!
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.
Eva Kranenburg entführt den Leser nach Halle an der Saale, 1953 eine der 14 Bezirkshauptstädte der DDR, ausgestattet u. a. mit Rathaus, Oberschule, Industriebetrieben, Abwasserproblemen, Staatssicherheitsbezirksverwaltung und zugehörigem Untersuchungsgefängnis. Die letzten beiden Punkte sind die wichtigsten für dieses Buch, sie wirken wie ein Sicherheitszaun in zwei Richtungen, spielen in den Köpfen der Menschen eine starke Rolle, versetzen in Angst und Schrecken.
Eine, die die Angst hautnah spürt, ist die jugendliche Heldin dieses Romans, Mathilde Kersten, auch Thilda oder kurz Tilla genannt, lebt mit ihrem Vater zusammen in äußerlich recht ärmlichen Verhältnissen. Eigentlich müsste das nicht sein, denn der Vater war KZ-Häftling und arbeitet nun für die Staatssicherheit, ist Oberstleutnant, aber sehr darauf bedacht, sich nicht durch Vorteilsnahme ins Unrecht zu setzen. Seine hehren Ziele sind für Tilla nicht so leicht zu durchschauen, erst im Verlauf der Geschichte erfährt sie von der Tätigkeit des Vaters, begreift, warum manche Freunde sich von ihr abwenden: Hundertfünfzigprozentige sind nicht sehr beliebt. Sie findet im März 1953 zufällig eine neue Freundin, nicht auf der Oberschule, sondern bei einer Demonstration, die für beide etwas ungewöhnlich verläuft. Rena, so heißt das Mädchen, wird die engste Vertraute von Tilla, beide treffen sich fortan in einem alten Bauwagen an der Saale und werden sich dort sehr vertraut. So glaubt wenigstens Tilla, denn plötzlich ist Rena weg, es wird eine weibliche Leiche gefunden, es ist nicht Rena, aber Tilla ist vollkommen verunsichert. Ihre Suche nach Rena läuft ins Leere, aber sie findet einen neuen Freund, Roman, der ist Sohn des Polizeipräsidenten von Halle und genauso verunsichert wie Tilla.
Je länger die Suche nach Rena dauert, umso mehr erfährt Tilla, über ihren Vater, über Romans Erlebnisse in der Sowjetunion, über die Erziehungsmethoden seines Vaters, über die Propagandalügen der noch jungen DDR.
Sie entdeckt, wie die Tote aus der Saale hieß, sie findet Renas Freund, der ihr die Wahrheit über Rena erzählt, und sie sucht immer weiter nach ihr. Den Höhepunkt des Romans bildet der 17. Juni 1953, der sehr viel Hoffnungen weckt, in Tilla, wie auch in Roman oder überhaupt in den Hallensern. Dass der Aufstand nur ein Strohfeuer war und sich in der DDR nichts änderte, werden alle früher oder später selbst begreifen müssen.
Das ist das Tragische am Roman, dass der Leser natürlich weiß, dass erst der 9. November 1989 eine Änderung der Machtverhältnisse brachte. Trotzdem ist es spannend, Tilla durch diese unsichere Zeit zu folgen.
Der Roman liest sich gut, die Autorin hat einen Stil, der der Jugend ihrer Protagonisten entspricht, und wenn man die Liedzeile „Die Partei hat immer recht.“ liest, weiß man dann auch, wer sie glaubt und wer heimlich mit den Augen rollt. Der vierte Teil beginnt mit einem Gedicht von Johannes R. Becher, seine zarte Lyrik wird Erstaunen hervorrufen, bekannt ist er den meisten durch die Nationalhymne der DDR „Auferstanden aus Ruinen…“. Das Cover sieht sehr viel anschmiegsamer und romantischer aus, als es der Inhalt des Romans dann ist. Aber vielleicht ist es gerade diese Ambivalenz, die ihn so lesenswert macht.
Fazit: „Die Wahrheit ist ein gefährliches Geschütz.“ – dieser Satz des Vaters umfasst die gesamte Staatssicherheitsdoktrin der DDR, auf ihr beruhte jede Verhaftung, jede Verurteilung, auf dieser Grundlage existierte das Land rund 40 Jahre. Es ist der Autorin zu verdanken, dass diese Erkenntnis wieder ins heutige Denken zurückgeholt wird. Von mir eindeutig eine Leseempfehlung!
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.